Abschied und Anfang

Abschied… von einem Fahrrad… nicht von irgendeinem Fahrrad, sondern von Heinrich Pegasus, meinem „guten Heinrich“, meinem fast 25 Jahre alten Fahrrad, mit dem ich einige tausend Kilometer radelte, so viel erlebte und mit dem meine Leidenschaft, zu schreiben, so richtig begann. Ich weiss seit einiger Zeit, dass der Abschied bald kommen würde… na, und ich gebe zu, es ist etwas sentimental… heute ist´s soweit.

Jetzt werden manche sicher sagen: „Jetzt dramatisier mal nicht so…. wegen einem Fahrrad!“. Mache ich ja gar nicht, aber ein bisschen gehört dieser Abschied auch zum Beginn dieses Blogs. Seit den furchtbaren Ereignissen in Paris vorgestern ist mir bewusst geworden, dass es auch um einen Abschied einer sorglosen Reiseart durch Europa geht, wie ich es vor etwas mehr als 20 Jahren tat. Die Welt verändert sich, Europa verändert sich, mein Land verändert sich, ich verändere mich und Fahrräder verändern sich… Ich werde in Zukunft mit anderen Augen durch Europa fahren, aber ich werde fahren.

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Er kann nicht mehr… fast nichts an meinem „guten, alten Heinrich“ ist noch verkehrssicher und bis auf den Rahmen sind alle Teile Schrott. Zeit, Adieu zu sagen…

Ich kaufte „Heinrich“ 1991, am 9. Juni, es war mein erstes „Westfahrrad“… mit Gangschaltung. Bis dahin hatte ich nur Fahrräder mit stabilen, schweren Rahmen ohne Gangschaltung. Was war das für ein Genuss, damit die Berge hinaufzufliegen. Auch wenn es nur ein Fahrrad war, musste ich ihm einen Namen geben, denn was ich treten, streicheln, antreiben und auch mal anschnauzen wollte, brauchte unbedingt einen Namen. So will es das Gesetz noch heute! Am 9. Juni steht im Kalender, dass der „gute Heinrich“ Namenstag hat. Also jetzt wirklich! Wer´s nicht glaubt, forscht nach Heinrich Michael Buche (der gute Heinrich), er lebte von 1590-1666… Fortan war ich also mit Heinrich unterwegs… (aber nicht nur mit ihm). 😉

Neues Fahrrad, 1991. Ein Ereignis kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Wir waren hungrig, wollten viel sehen, waren allerdings arme Studenten. Es wurden Fahrradpläne für den Sommer gemacht. Für mich war es der erste Sommer, wo mir DDR-Kind nach der Wende ganz Europa, ja die ganze Welt offenstand. Mein damaliger Freund und ich hatten gerade das erste Studienjahr unseres Musikstudiums fast hinter uns und wollten endlich all die Städte, deren Namen wir aus so vielen Komponistenlebensläufen kannten, sehen. Wir entschieden uns, zuerst nach Italien zu fahren. Mit dem Fahrrad. Erstens liebten wir schon damals die langsame Art des Reisens und zweitens war es für Studenten sehr preiswert. 😉 Und so strampelten wir (ein Bücherwurm, eine Oboe und ich Flöte) von München erst über die Alpen nach Venedig, Bologna, Florenz, Pisa und Rom… sahen viele Orte, ließen uns von manch antikem römischen Pflaster durchrütteln und dann waren die Semesterferien auch schon wieder zu Ende…

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Wir sahen wirklich aus wie die Landstreicher, aber wir waren unendlich neugierig…

Im nächsten Sommer verließ uns (die Oboe und mich) der Bücherwurm und ein weiterer befreundeter Flötist kam dazu. Von Genf nach Marseille trug mich mein guter Heinrich in großen Schlangenlinien durch die Provence. Jeden Tag blauer Himmel, kaum auszuhalten… Wir hielten es aus, Heinrich die heißen Temperaturen auf den Straßen und die holperigen, staubigen Wege, ich wehrte mich gegen provencalische Sonnenstiche. Am Ende der Tour allerdings waren wir alle etwas ramponiert… Als wir endlich in Marseille am letzten Tag zum Bahnhof fahren wollten, brachen auf der kurzen Fahrt fast sämtliche Speichen des Hinterrades und ich kam nur schiebender Weise und ziemlich herumeiernd zum Zug. Zum Reparieren war keine Zeit mehr… Glück gehabt, den Zug heimwärts bekamen wir. Die Schaffner allerdings fragten sich, warum man ein schrottreifes Fahrrad nach Hause transportiert.

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…die Römer verfolgten uns überall hin und das Pflaster der alten römischen Heeresstraßen rüttelte uns ordentlich durch…

Noch einen weiteren Sommer später fuhren nur noch der Oboist und ich durch die Gegend, mit runderneuerten Fahrrädern. Die anderen Mitfahrer streikten, zuviel Fahrradfahren. Für uns zuviel blauer Himmel. Wir wollten ein bisschen weiter westlich radeln, da wo´s mehr Regen gab, aber bis auf die Insel wollten wir nicht (zuviel Regen). Wir meinten, eine große Runde in der Bretagne wäre toll. Und das war auch eine super Entscheidung. Wir fuhren 4 Wochen lang und hatten nur 2 Regentage, sonst angenehmes Radelwetter. Eine wunderschöne Reise bis ans Ende der Welt, ins Finistère. Seitdem prangt ein Aufkleber an Heinrichs Rahmen…

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Finistère… das Ende der Welt aus bretonischer Sicht

Wieder zu Hause erwartete mich eine Einladung… zu einem Probespiel bei einem großen Orchester… 😉 Mein Leben wurde nach diesem Probespiel ordentlich auf den Kopf gestellt. Sehr viel änderte sich für mich. In den nächsten Jahren blieb mir kaum Zeit, ausgedehnte Radtouren zu unternehmen…

Mein „guter Heinrich“ wurde älter und altersschwach, manch Teil rostete und wurde erneuert, er bekam sein Gnadenbrot als Ersatzfahrrad. Als ich mich entschied, aus Liebe zwischen zwei Städten dauerhaft zu pendeln, begleitete er mich fortan als Bahnhofsfahrrad. Manchmal wartete er wochenlang auf mich, aber geklaut wurde er nicht. Er hatte am Bahnhof „seine“ Dachrinne zum Anschließen. So manchen Vandalismus musste er ertragen, aber ich rettete ihn immer wieder.

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Vandalismus musste Heinrich oft ertragen… sogar eine Spritzennadel eines Junkies steckte irgendwann im Reifen.

Was haben wir zwei uns manchmal beeilt, um so manchen Zug gerade noch so zu schaffen. 🙂 In letzter Zeit war es mir schon nicht mehr so ganz geheuer, mit ihm noch so schnell zu fahren. Denn wirklich verkehrssicher wirkte er nicht mehr. Letzte Woche ging ich zum Fahrradladen und dort meinte man, um ihn zu retten, müsste ich viel Geld investieren…

Ich denke, nun ist der Abschied gekommen. Wir hatten wunderschöne Touren miteinander, von denen ich wohl noch als Großmutter erzählen kann. Es ist ja nicht so, dass es neben dem guten, alten Heinrich nicht schon längst einige bessere Fahrräder gegeben hat, aber über keines werd ich wohl je wieder so schreiben wie über meinen guten alten Heinrich. Auf allen anderen Touren, die ich mit meiner Familie seit einigen Jahren wieder unternehme, wurde auch immer von den Erlebnissen mit Heinrich gesprochen. Ich hoffe, es wird noch viel Erzählenswertes folgen können…

In diesem Sommer las ich bei einigen bloggenden Tourenradlern mit. Stellvertretend seien die Blogs http://gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.de und http://irgendlink.de erwähnt, die auf ganz besondere Art und Weise von ihren Radwanderungen bloggten. Auch das war ein Ausschlagspunkt, diesen Blog zu eröffnen. Danke!

Gerade in Zeiten, in denen Angst und Terror immer mehr um sich greifen, finde ich es wichtig, sich nicht einschüchtern zu lassen, gar der Freiheit berauben zu lassen, sich frei zu bewegen. Sondern über die Dinge zu berichten, die in einer Welt der Offenheit, Toleranz und Menschlichkeit möglich sind.

10 Gedanken zu “Abschied und Anfang

  1. Jetzt bin ich ganz berührt. Mitauslöserin sein zu dürfen für diesen Blog, den zu lesen ich mich schon jetzt freue:)
    Wie wunderbar Dein Waldkulturbild.
    Wie ähnlich Deine Nachwendefahrradjahre den meinen. Mein erstes „Westfahrrad“, ein Winora, kaufte ich im Herbst 91. Es trug mich auch durch manche Ecke Europas, genauso landstreichermäßig beladen. Hatte auch was Pinkes am Rahmen. Diente später ebenfalls als Zweitbahnhofsfahrrad. Nur: es wurde von dort gestohlen, eines Tages. Ich habe getrauert. Insofern kann ich SO gut verstehen, wie schwer Dir der Abschied fällt. – Mein jetziges, das ich vor 4 Jahren zum Radwandern gekauft habe, musste unbedingt von Winora sein. Das war ich meinem ersten schuldig:)
    Wie neugierig ich bin auf Einblicke in Dein Musik(er)leben. Eine mir sehr nahe Welt, wenn mir auch die Option, sie zum Beruf zu machen, niemals des Weges kam. Es tut mir schon bei Deinen Tweets gut mitzulesen. Und jetzt erst:)
    Also jedenfalls: Ich freu mich auf Deine Texte! Und ich danke Dir, dass Du Dich hast inspirieren lassen.
    Auf Wiederlesen!

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  2. Das ist so nett, wie du über deinen Heinrich schreibst.
    Ich verstehe dich total gut. Wenn man so reist … auf langsame Art und Weise … da kriegt man so unendlich viel mehr von der Landschaft und der Kultur eines Landes mit, als wenn man mit dem Auto durchfährt oder einen der Flieger nach ein paar Stündchen in fremden Gefilden ausspuckt.
    Ich habe auch ein Pegasus-Fahrrad … noch nicht so lange – 3 Jahre jetzt. Doch ich liebe es heiß und innig. Weil es so komfortabel und gemütlich ist … und schnell.
    Ich habe mir vor 30 Jahren ein Mountainbike gekauft, das mit zunehmendem Alter immer mehr Mängel aufwies. Ich alterte natürlich parallel dazu mit. Und irgendwann taten mir beim Fahren immer die Arme weh, vor allem aber der Rücken und der Nacken.
    Und so verstaubte es schließlich im Fahrradkeller und ich fuhr nur noch Auto. Mittlerweile sind natürlich die Reifen total spröde und weisen ein immenses Sicherheitsrisiko auf.
    Und so entschied ich, dass ich einfach Lust hatte auf Radfahren und mir nun nach über 30 Jahren ruhig mal ein neues Gefährt anschaffen dürfte.
    Ganz wunderbar. Da sitze ich nun viel aufrechter drauf, und nirgendwo zwickt oder zwackt was.
    Es wird hoffentlich auch ganz alt.
    Alles Gute dir und deinem Heinrich.

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    1. Ja, so ein Fahrrad kann einem schon ans Herz wachsen. Vor allem, wenn man bergauf, bergab strampelt, rollt, fast fliegt. Heinrich ist nun Geschichte, aber mit meinem Heinrich III., der Name hat sich einfach bewährt 😉 plane ich die nächsten Touren. Nächstes Jahr ist ein „gerades“ Jahr, d.h. Fahrradurlaubssommer. Die kommenden Tage werde ich mit meiner Familie also auch dazu nutzen, eine schöne Sommertour zu planen.
      Dir auch viel Freude mit dem neuen Rad …gibt es schon einen Namen? 😉

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  3. Sehr interessant. Bei fast allen Kommentaren geht es auch um den Abschied vom geliebten Fahrrad. Etwas, das mir noch nie „vergönnt“ war. Bei einem Rad ist mir der Rahmen gebrochen, das steht im Keller. Alle anderen – vier an der Zahl – fanden ungewollt einen neuen Besitzer. Abschied vom geliebten Rad? Kenne ich so nicht. Bei Faltbooten sieht das schon anders aus. Aber das ist ein anderes, wenn auch ähnliches Thema.
    Ähnlich ist die langsame Art zu reisen. Überschaubare Kilometer, anlegen und bleiben, wo es einem gefällt. Der Weg ist das Ziel, das Erleben von Natur und Kultur der Grund der Reise. Du hast das wunderbar beschrieben.
    Danke!
    Modelamong

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    1. Mir ist zum Glück noch nie ein Rad ungewollt abhanden gekommen. Wenn dann nur fast… also wenn ich Trottel nicht mehr genau wusste, wo ich es angeschlossen hatte und ich dachte: „Nun ist es weg.“ Das kam am Bahnhof relativ oft vor und das Gefühl des unfreiwilligen Abschieds habe ich dadurch ansatzweise kennengelernt und durchlitten. 😉 Nun ist der Abschied von diesem Rad da, aber nicht der Abschied vom langsamen Reisen. Das ist überhaupt das allerschönste am Reisen per Rad oder wie du per Boot. Der Weg ist wirklich das Ziel, man kann sich nie zu viel vornehmen, man genießt Natur, Kultur und Menschen ganz anders. Wenn man als Familie reist, erlebt man diese Zeit als sehr intensiv miteinander, da jeder Einzelkämpfer und Teammitglied zugleich ist. Für uns immer eine sehr schöne Zeit. Wir planen und mein Heinrich III. steht ungeduldig in der Garage… 😉

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