Ohrwürmer

Es gibt Tage, da ist man gemütlicher unterwegs als sonst. Es gibt Tage, da ist man stiller unterwegs als sonst. Es gibt Tage, da braucht man unterwegs keine Musik auf die Ohren.

So ein Tag war heute. Es waren kaum Leute unterwegs, ein paar Hundehalter, ein paar Läufer. Ich ging im Nieselregen vor mich hin und genoss die Ruhe, bis sich die ersten Ohrwürmer ins Oberstübchen schlichen. Das ist eigentlich immer so, sie lassen nie lange auf sich warten und die Monotonie des Laufens oder Gehens bringt das von ganz allein mit sich…

Es ging los, als ich am kleinen See bei uns im Wald vorbeikam. Mir kam die Zeile: „…still und sanft ruht der See…“ samt Melodie in den Sinn (Ohrwürmer fangen ja nie von vorn an… örgs)… Ich schoss ein Bild, weil es schön aussah, blieb ein bisschen stehen und dachte an dies und das… Immer wieder jedoch mischte sich diese Zeile in meine Gedanken und drehte ihre Kreise. Doch Moment mal… Wie plärrt der Ohrwurm da? Zu welchem Lied gehört das überhaupt, ach ja. Aber: „…still und sanft…“? Stimmt das überhaupt? Da passt doch was nicht. In dem Moment kam ich aber auch nicht auf das passende Wort. Wie ausgelöscht war es. Ohrwürmer sind furchtbar und geradezu gemein. Sie drehen manche Kleinigkeit um und führen uns auf´s Glatteis… Sehr tückisch.

Ich beschloss, die Zeile mal zu twittern mit dem Text:

„…still und sanft ruht der See…“ „Ey, der Schnee fehlt!“ Ohrwürmer am ersten Advent. Sie werden entschuldigen. 😉

Und siehe da, den ersten gefiel es, aber es fiel niemandem auf, dass da etwas nicht stimmte. Niemand beschwerte sich. Wird das einfach so hingenommen? Flötistenohrwürmer, die immer den falschen Text anstimmen, sind vielleicht doch nicht nur in Flötisten- oder besser in Orchestermusikerohren so unverschämt? Wir Musiker kennen nämlich eigentlich nie den wirklichen Text. Entweder er wird sofort so umgedichtet, dass er verhohnepipelt wird oder die Melodie wird als so schön empfunden, dass man den Text gar nicht wissen will. Manchmal ist es ja auch besser, wenn man gar nicht weiß, worum es so ganz genau geht… Doch das ist wieder ein anderes Thema.

Zurück zu den Weihnachtsliedern… Eigentlich war es ja nur dieses eine Wörtchen, was falsch war und doch zu einem anderen Sinn führte. Zwischen sanft und starr ist ja schon ein ziemlicher Unterschied. Gerade heute bei diesem Mistwetter und dem fehlenden Schnee war sanft fast richtig am Platz. 😉 Geht es vielleicht vielen so, dass wir denken, wir kennen längst Bekanntes so in und auswendig, dass wir oft über kleine Fehlerchen einfach hinweghören und vieles uns gar nicht mehr auffällt?

Nur, ist es nicht schade, dass man oft die Texte nicht wirklich sicher kennt? Dass einem diese Kleinigkeiten oft gar nicht auffallen? Dass Ohrwürmer sich so hartnäckig wiederholen können, bis man realisiert, dass da irgendeine Kleinigkeit nicht stimmt? Ich bin schon auf den nächsten Ohrwurm gespannt, der sich anschleicht und mich auf´s Glatteis führt. Bestellen kann man sie ja nicht, die Ohrwürmer, sie kommen, wann sie wollen… und vielleicht twittere ich wieder darüber. 😉

Heute regten sich in meiner Timeline auf Twitter viele auf, dass jetzt wieder diese Zeit losgeht, wo alle so besinnlich daherkommen und ihre ganzen Weihnachtssachen einfach so zeigen müssen und überhaupt, jedes Jahr der gleiche Kommerzmist… Man war genervt. Mag sein, in diesen Zeiten gibt es wahrlich viele andere Dinge. Aber brauchen wir nicht einmal im Jahr so eine Zeit und liegt es nicht an uns, was wir daraus machen? Ist es nicht so wie in diesem Kulturwald, den ich in meinem ersten Blogbeitrag beschrieb? Liegt es nicht an uns, was aus dem Wald (oder aus Weihnachten) wird, wie wir ihn nutzen, pflegen, verunstalten, in Ruhe lassen, wachsen lassen…?

Auch dazu ist für mich in jedem Jahr die Adventszeit da, sich zu besinnen, was Weihnachten bedeutet, wer Weihnachten überhaupt und warum feiert, Liedtexte wieder im Detail zu erinnern und sie wieder zu verinnerlichen, sie zu bewahren, sie weiterzugeben an Kinder, Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde… Und Dinge zu tun, die man jedes Jahr tut oder auch irgendwann bleiben lässt. Es liegt an uns, was wir wollen.

 

5 Gedanken zu “Ohrwürmer

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