Fangen wir doch endlich an…

Schon einige Zeit läuft die Blogparade #TheaterimNetz der @Kulturfritzen und noch bis 31.1. soll sie weiterlaufen. Ich finde die bisherige Diskussion rundherum sehr spannend und weitreichend. Es ist ein Thema, dass mich als Orchestermusikerin in einem Konzertorchester zwar eigentlich nicht wörtlich direkt betrifft, aber indirekt schon. Da diese Diskussion sicher allen nutzt, würde ich gern den Begriff ein wenig dehnen und so ist die Blogparade sicher auch gemeint…

Wo gemeinsam erzählt wird, entsteht Identität, Gemeinschaft und Miteinander. Doch der Reihe nach…

Wenn ich manche Theater/Orchesterleute so reden höre oder ihre Tweets/Posts lese, erstaunt es mich immer wieder, dass zwar oft Ort, Anlass, Stunde und vor allem das eigene Gesicht kundgetan wird, aber nicht, warum es gut sein wird, dort hinzugehen. Die Aktivitäten beschränken sich meist auf die nötigste Werbung, wenn überhaupt irgendetwas im Netz betrieben wird. Sicher kommt man schnell in den Ruf, Selbstdarstellung zu betreiben und die ist für viele Kulturschaffende verpönt und unschicklich, da es nach Selbstlob riecht (ich habe mit diesem Punkt auch meine Probleme). Vorherrschende Meinung: Das, was das Publikum sehen soll, findet auf den Brettern, die die Welt bedeuten, statt und das Publikum soll bitte selbst entscheiden, was es damit anfängt und ob es überhaupt bittebitte kommen soll. Noch dazu kommt, dass diese Bretter für viele Ausführende die einzige Welt bedeuten (Sorry!) und die sieht dann oft ein bisschen elitärer aus als für alle anderen. Vielleicht setzt sich aber auch diese Erkenntnis irgendwann durch: In Zukunft wird es wohl immer nötiger sein, auf sich aufmerksam zu machen, weil das Publikum eigene Wege geht. Einfach so… Und da wird es viel wichtiger sein, neugierig zu machen auf das, WAS genau im für viele „elitären Rahmen Theater/Konzerthaus“ so passiert. Denn seien wir ehrlich, für viele ist diese kleine Kulturwelt längst abgehoben und unerreichbar unverständlich. Es fehlt einfach zu viel Basisarbeit. Für das Verständnis dieser elitären Welt sind keine einzelnen Leute als „Stars“ gefragt, da ist das Theater / Konzerthaus / Orchester als Ganzes in die Pflicht genommen. Immer wird zuerst gefragt: Was machen die denn da mit unserem (Steuer)Geld? Und diese rein wirtschaftliche Frage braucht neben guten Vorstellungen und Konzerten  inhaltliche Antworten. Und genau dazu ist es gut, wenn jeder einzelne etwas beizutragen hat.

Wenn ich allerdings in die Kulturwelt hineinsehe, wirkt es auf mich so, als ob sie sich mehr und mehr von der Realität entfernt. Es gab und es gibt ein reiches Kulturleben, das seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten gehegt und gepflegt wird, was sich aber nur schwer weiterentwickelt. Da sind die etablierten Häuser, die immer weiter das fortsetzen, was sie schon immer taten. Natürlich werden auch zeitgemäße Themen aufgegriffen, neue Wege beschritten. Aber am Ende wird immer gehofft, dass alles weiterhin auf den altbewährten Wegen angenommen wird. Festgefahrene Strukturen, ewig gleiche Abläufe in streng hierarchischen Ebenen verstärken das alles. Macht, Herausstellungsmerkmale und Abgrenzung der einzelnen Häuser scheinen das Wichtigste zu sein. Ein Miteinander ist selten, zu groß die vermeintliche Konkurrenz.

Nur dass sich die Welt des Publikums rundherum rasant verändert, dass wird dabei kaum wahrgenommen. Dabei sitzen wir alle im selben Boot.

Überspitzt ausgedrückt: Man spielt… füreinander, gegeneinander, miteinander… streitet über Interpretationen von längst Überspieltem… beschäftigt sich mit sich selbst… probiert Neues aus und hinterfragt natürlich sofort, ob es gut ist… krittelt herum… zerfleischt sich gegenseitig, anstatt dem Publikum das zu geben, was es braucht. Reibung muss sein, sonst kommt nichts Gutes dabei heraus, aber wir müssen sehen, das wir die Hauptsache immer im Blick behalten. Unser Publikum… im Saal, auf der Straße, im Netz.

Doch was genau wird gebraucht? Die Offenheit, mit der vieles in den „sozialen Netzwerken“ (ich mag diesen Ausdruck nicht, ich sage lieber „offener Raum“) diskutiert wird, trägt dazu bei, dass vieles gleichzeitig auf dem Tisch liegt. Abwägen und in Prioritäten einteilen ist nicht leicht. Was spricht Menschen an? Nicht in erster Linie Termine / Orte / Zeiten / Personalien / Ausstattungen. Ich denke, Inhalte und das Identifizieren mit der Institution (Theater, Oper, Orchester…) und mit den Ausführenden sind die wichtigen Dinge, die Theater/Konzerthäuser anziehend machen. Das hat für mich in erster Linie überhaupt nichts mit Marketing zu tun. Nur leider wird das von Intendanten/Managern/Social Media Beauftragten hauptsächlich mit den Social-Media-Aktivitäten angestrebt (mein persönlicher Eindruck). Und diese Diskrepanz ist für mich ein sehr wichtiger Punkt.

Diskrepanz kommt aus dem lateinischen: dis-crepare „auseinander krachen“, „verschieden knarren“ und so ist es doch oft in vielen Häusern. Die Intendanz/Leitung sagt: „Es ist wichtig, Werbung zu machen, also machen wir das, auf allen(!) Kanälen!“ Social Media ist da neben den etablierten Methoden meist erst einmal ein „neuer Bereich“, bei dem man sich selbst ja gar nicht auskennt. Großes Aufstöhnen und „Keine-Zeit“-Rufe allerorten, bis jemand engagiert wird, der technisch versiert ist und sich mit „online“ auskennt. Das Erscheinungsbild wird wunschgemäß erst mal modern, auch wenn alles beim Alten bleibt. Ein großer Freudenruf geht durchs Haus: „Toll, das macht jetzt jemand! Unsere Termine kann man jetzt online lesen! Jetzt werden wir wahrgenommen.“ Naja, nun fängt das Problem an. Dieser Online-Jemand ist am sonstigen, künstlerischen Geschehen des Hauses nicht groß beteiligt und hat Glück, wenn er fest angestellt ist (meist zeitweise, denn Geld ist knapp). Er steht mit einer Flut von schnell weitergereichtem Terminkram allein auf weiter Flur, bedient zwar ein paar Kanäle, so gut es geht, aber eine klare Strategie gibt es dabei selten, da Zeit und Zuarbeit aller am Haus fehlt. Der Online-Jemand monologisiert vor sich hin und fühlt sich allein gelassen mit eventuellen Fragen des Publikums, die er mal eben so ungefähr beantwortet, denn genaues weiß er ja nicht. So kommt oft Halbherziges heraus. Wenn es ganz schlecht läuft, geht die Luft aus, weil kein richtiger Dialog in Gang kommt. Schlimmstenfalls werden die Aktivitäten irgendwann ganz eingestellt. Die Accounts verwaisen. Das ist ziemlich oft Realität, oder?

Fangen wir doch einfach an, als Einzelne in eigener Verantwortung über das zu berichten, was uns bei unserem Tun beschäftigt und begeistert. Seien wir uns bewusst, dass wir selbst auf allen Kanälen die große Mehrheit ansprechen sollen, die in Theater/Konzerthäuser geht, weil sie sich etwas Gutes tun wollen, weil sie in geistiger Bewegung bleiben wollen, weil sie sich mit Dingen beschäftigen wollen, die sie als Menschen weiterbringen. Diese Menschen wollen nur dann kommen, wenn sie nicht das Gefühl haben, ihre Zeit mit Dingen zu vergeuden, die elitär und unnahbar daher kommen. Sie werden nur kommen, wenn sie davon überzeugt sind, dass wir etwas so darbieten, dass es glaubhaft ist, dass wir dahinter stehen, dass es unser eigenes Anliegen ist, über das wir auch selbst etwas zu sagen haben. Das ist keine Selbstdarstellung, sondern das ist Erzählen. Wir erzählen all jenen, was sie hinter der Hülle all der guten Anzüge in den feinen, restaurierten oder auch neu gebauten, hochmodernen Häusern verpassen. Das sind dann nicht wir selbst, die sich präsentieren, sondern das ist das, was wir auf der Bühne (und im Netz) zeigen wollen. Das Publikum nimmt die Sache an sich wahr, um die es gehen soll. Ein Dialog kann entstehen. Natürlich wünsche ich mir viele Fragen vom Publikum, denn nichts ist schlimmer als jemand, der nur vor sich hin erzählt. Wenn wir dann Antworten wissen, werden wir sicher in den Dialog eintreten. Je mehr sich auf allen Seiten beteiligen, umso besser. Und nur so macht #TheaterimNetz für mich Sinn.

Noch ganz am Rand: Nur ein verschwindend kleiner Teil des Publikums kommt, um die Interpretation eines Stückes zu bewerten, weil sie die Titanen Goethe/Schiller/Lessing/Bach/Beethoven/Brahms (nur als Beispiele) noch persönlich kannten und daher auch genau noch heute wissen, wie man was zu spielen hat… Ja, diese Menschen scheint es wirklich noch zu geben, ich treffe täglich welche… 😉 Uuuups, Ironie aus… Na gut, ich gebe zu: Manchmal wüsste auch ich zu gern, wie sich die oben genannten und hochverehrten Herrschaften, die uns so Wunderbares hinterlassen haben, das wir es noch immerzu spielen wollen (ich auch, JA!), heute verhalten würden, was sie für Ideen hätten und wie sie sich im Netz geben würden, ob sie dort überhaupt aktiv wären. Denn das ist wirklich schwer für einen Ausführenden.

Da ich das alles nicht wissen kann, versuche ich, meine eigene Neugierde wach zu halten und das, was mich bewegt, auch mit anderen zu teilen. Manchmal ist es viel, manchmal ist es gar nichts. Manchmal sprudelt es heraus, manchmal will ich in mein Schneckenhaus. Und das ist legitim. Ich wünschte, noch viel mehr meiner Kollegen würden so denken… denn dann kommt der Rest von ganz allein. Ich danke an dieser Stelle all jenen, mit denen ich schon tolle Diskussionen über Konzerte und Vorstellungen hatte. Diese Begegnungen im Netz bereichern mein Musikerleben sehr und ich möchte nicht mehr darauf verzichten. Danke!

 

5 Gedanken zu “Fangen wir doch endlich an…

  1. Liebe Susanne,
    natürlich ist es so gemeint: Theater im weit gefassten Sinn: Theateralltag, verwandte Künste. Für mich, der in einem Mehrspartenhaus gearbeitet hat, gehört das Orchester auf jeden Fall dazu.
    Ich stimme Dir zu, dass Aktivitäten von Theaterinstitutionen, Orchestern etc. im Netz über das Ankündigen von Terminen hinausgehen sollten, das war ja ein Grund, diese Blogparade ins Leben zu rufen.
    Vielen Dank für die persönlichen Eindrücke, Erlebnisse, Ergebnisse, an denen Du andere teilhaben lässt, die Du zur Diskussion stellt, die Einblicke in Deine Arbeit gewähren. Und vielen Dank für Deinen Beitrag zu unserer Blogparade.
    Ich würde mich freuen, wenn viele Deinen Wünschen folgen.
    Liebe Grüße aus Berlin,
    Marc

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Marc, danke für die Initiative zu dieser Blogparade, die wohl direkt auf einen internen Dialog unter Theaterleuten ins Leben gerufen wurde (auch an Anne Aschenbrenner, Michael Stacheder und Reinhard Widerin geht an dieser Stelle ein großes Dankeschön für den Anstoß) und zu der ich gern ein paar „Orchester“gedanken dazugeworfen habe. Ich wünschte, viele Kollegen ließen sich von dieser Diskussion anregen. Gerade in der heutigen, unruhigen Zeit finde ich es wichtig, neben Terminen und Personalien über Inhalte zu berichten, die für viele nicht mehr zum alltäglichen Leben dazugehören. Dazu muss man dahin ziehen, wo man diese Leute findet. Ins Netz. Also ist „Theater/Orchester ins Netz“ nötiger denn je. Oder?
      Viele Grüße, Susanne

      Gefällt 1 Person

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