Zwischen Puppenball und Schule…

Seit vielen Jahren spiele ich mit einer Harfen-Freundin aus Studienzeiten im Duo, dem Duo Leggieramente. Der Name entstand, weil wir mit Leichtigkeit an die Sache gehen wollten und es auch wirklich so halten. Leggiero bedeutet aus musikalischer Sicht: locker, leicht, perlend. Wir spielen gemeinsam Konzertprogramme mit thematischen Bezügen, die sich auf musikalisch-poetische Weise dem Thema nähern und nicht unbedingt die klassische Konzertschiene bedienen, die man vielleicht als erstes erwarten würde. Unser Zusammenspiel ist für uns neben all unseren anderen Aufgaben eine Art Ausgleich und Perspektive geworden (die Harfenistin ist als Freischaffende unterwegs und für mich ist es neben dem Orchester eine schöne Abwechslung). So sind auch einige Schulprogramme entstanden, die sich über die Jahre immer weiter entwickelten. Jedes Mal werden diese Programme neu weitergedacht, evtl. verändert und erhalten dadurch auch für uns immer wieder neue Blickrichtungen…

Gestern waren wir wieder unterwegs. Diesmal in einer kleinen Grundschule in Goldbach bei Bischofswerda. Im Gepäck hatten wir für die Kleinen (1./2.Klasse) unser Programm „Wer tanzt denn da im Puppenreich?“ und für die Großen (3./4. Klasse) „Harfina und Flötine – musikalische Reisepost aus aller Welt“. In der Schule geht´s früh los und so fuhren wir nach einer Fahrt über das frostige Land schon kurz vor halb acht die Dorfstraße zur Schule hinauf. Puh, für Musiker sind das Zeiten, die wehtun…

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Am noch ruhig vor sich hin ruhenden Ententeich hinter der Schule geht´s vorbei (wenn die Enten wüssten, was wir für eine verrückte Ente im Gepäck haben….;)

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Wir parken neben der Turnhalle und genießen die frische Landluft… Moooooment mal! Ein Blick auf das angrenzende Feld erklärt die ganz besondere Duftnote an diesem Morgen. Ein Gülletraktor! Nun ja, ein Schnupfen ist manchmal wirklich nicht schlecht, wir waren ausgestattet, nur der Schulleiter litt sichtlich… 😉 Schnell ins Haus…

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Angekommen: auspacken, Harfe stimmen, letzte Absprachen mit den Lehrern, einstimmen auf unsere Rollen…

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Los geht´s… Wer tanzt denn da im Puppenreich?

Die Kleinen rücken an. Die Jungs mit skeptischen Blicken (es soll um Puppen gehen – ey, wir sind jetzt Schulkinder, Fußball ist cool, Puppen out… wartet´s ab) und die Mädchen hin- und hergerissen (soll ich wirklich zugeben, dass ich noch eine Puppe habe?). Das Problem klären wir meist ganz schnell, denn für uns ist es völlig normal, Puppen zu haben! Zu Beginn gibt es immer einen mittelgroßen Tumult, denn die durchgeknallte Ente schnattert in der Garderobe bei offener Tür lautstark mit der Harfenistin darüber, wie toll dieser Puppenball letzte Nacht war und ich flüchte derweil mit dem todtraurigen Friedemann zu den Kindern in den Saal (der wie meistens auch hier eine Turnhalle ist). Friedemann jammert mir ordentlich die Ohren voll und ich versuche herauszubekommen, warum das so ist. In der Zwischenzeit frage ich die Kinder beiläufig, was denn ihre Puppen heute früh so erzählt haben und ob die auch so begeistert waren (natürlich hatte an einem Montagmorgen niemand auch nur irgendeine Puppe angesehen… Überraschungseffekt!). Also jede Menge Gesprächsstoff und da platzt ja auch schon wieder diese quackernde Ente herein, der man schnell mal den Schnabel zuhalten muss, damit sie uns auch mal zu Wort kommen lässt… Über all dem haben die Kinder meist die Frage vergessen, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, Puppen zu haben… 😉

Ja, aber warum ist Friedemann so traurig. Er weint die ganze Zeit vor sich hin. Bis wir herausbekommen, dass er mit einem wunderschönen Mädchen, einer Nymphe tanzte und nun unsterblich in sie verliebt ist. Aber nun ist sie weg und er wird sie wohl nie wieder sehen. Er ist ratlos. Noch dazu kommt, dass die Ente kein Mädchen gesehen hat, naja, sie war gestern nacht auch mit Tanzen, Essen, Quatschen ect. beschäftigt. Die Puppen der Kinder haben nichts erzählt bzw. die Kinder haben ihnen wohl nicht zugehört. Fest steht: Wir sind nun alle zusammen in einer Zwickmühle, Friedemann mit seinem Problem, die Kinder wissen überhaupt nichts über den Puppenball… Wir haben die Musik mitgebracht (Schostakowitsch – Puppentänze für Flöte und Harfe bearbeitet) und wollten „eigentlich“ nur ganz allgemein über den Puppenball erzählen (wie langweilig), aber nachdem wir nun ein paar Einzelheiten mehr wissen, müssen wir natürlich mehr erzählen 😉 … und so erzählen wir die ganze Geschichte. Friedemann und die Ente nehmen auf einem Stuhl Platz…

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Es geht los. Der erste Walzer und schon taucht das schöne Mädchen Syrinx auf. Keine der anderen Puppen hat sie gesehen. Gibt es sie also nur in der Fantasie von Friedemann? Sieht er sie nur, weil für ihn die Musik ganz besondere Gefühle auslöst? Oder hat er einfach keine Tanzpartnerin abbekommen und tanzt nun mit einer imaginären Partnerin?Natürlich geht unsere Fantasie mit uns auf Reisen… und meistens klappt das auch mit den Kindern, denn die sind wirklich ganz Ohr und in die Geschichte versunken.

Wir erzählen vom Ball, die Kinder dürfen eine Gavotte und eine Polka mittanzen, hören die Geschichte von Syrinx (nach dem Flötenstück von Claude Debussy), hören von ihrer Verwandlung in ein Schilfrohr und von Pan, dem alten Ziegenbart, der panische Schrecken verbreitet, eine Flamencotänzerin zeigt ihr Können und flitzt über die Harfensaiten (dabei ist ganz nebenbei in aller Kürze das Wichtigste an der Harfe erklärt), ein Leierkastenmann spielt sein Lied (die Kinder leiern natürlich), bei einer Polka wird gekichert und gelacht (das Ballgeflüster gehört immer dazu!) und nach einem allerletzten Walzer ist Syrinx verschwunden und ein trauriger Friedemann kehrt auf die Bühne zurück.

Mit den Kindern wird nun nach Hilfe für ihn gesucht. Meist kommen die Kinder ganz schnell darauf, dass sich alles wohl in Friedemanns Fantasie- und Traumwelt abgespielt hat. Die Musik hat ihn ziemlich weit weg geführt und mal ehrlich, das ging uns doch allen schon mal so, oder? Musik hat das Tor geöffnet, es ist schön, Musik zu hören, sich darin zu verlieren und nach ihr zu tanzen. Ganz empört sagen wir beide, dass wir nun nicht immerzu Musik machen können, damit Friedemann in seine Traumwelt eintauchen kann, wir haben schließlich auch noch andere Dinge zu tun. Manche Kinder erklären sich bereit, das zu übernehmen (wie schön!)… aber… auch sie sind ja nicht immer da. Was nun? Radio? Hmm. Nur bedingt, da kommen ja auch Nachrichten und so… Langsam kommen wir dahin, dass Friedemann selbst lernen sollte, wie er Musik machen kann. Jeder kann singen, pfeifen, klatschen und vielleicht sogar ein Instrument spielen lernen… Naja, und einmal darauf gebracht, ist er auch schon ganz schnell zur Tür heraus und auf dem Weg zur Musikschule.

Noch ein letzter Tanz, alles klatscht mit und für die ersten geht es wieder in den Unterricht… Ein Kind kommt zu uns und sagt: „Ich spielte schon mal Schlagzeug, vielleicht sollte ich doch wieder anfangen?“ Wir so: „Auf alle Fälle!“ Er zieht pfeifend zur Tür heraus, vielleicht sucht er heute Nachmittag sein Schlagzeug? (Wir hoffen für seine Eltern, dass sie genug Ohropax vorrätig haben. Hihi.)

Für uns heißt es: Kaffee/Teepause, Stimme ölen, Harfe nachstimmen, umpacken und auf die Großen einstellen…

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Die Reisepost steht bereit (natürlich von der DULE-Post… Duo-Leggieramente-Post). Flötine und Harfina, unsere beiden neugierigen Fantasiefreunde, haben uns wieder viele Pakete geschickt, denn sie reisen für uns durch alle Welt. Wenn sie zu Hause in Sachsen sind, findet man sie meist bei ihren Freunden in zwei bekannten Musikinstrumentenmuseen, Harfina im Grassimuseum in Leipzig, wo eine wunderschöne alte Harfe steht und Flötine in Markneukirchen, wo sie den kleinen Flötenengel vor´m Eingang überreden will, dass er die Flöte in die andere Richtung halten soll ;).

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Die Großen sind da. Vor ihren Augen entpacken wir die Pakete. Kastagnetten, irische Tin-Whistles, Löffel, chinesische Flötentöne, indianische Flötenmusik, ein indianisches Begrüßungslied, Trommeln und türkisches Geschepper (von dem man nie weiß, gehört es zu einer Hochzeit oder sind es die grimmigen Janitscharen) und einiges mehr erklingen, gemeinsam lesen wir die Reisepost, die uns die beiden von unterwegs schreiben und wir kommen über dies und das ins Gespräch. Am Ende ist der Tisch voll und es gibt viele neugierige Fragen der Kinder. Es wird noch ein bisschen geschaut und gefragt und dann packen wir wieder zusammen.

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Von den Lehrern hören wir, dass sie sich so etwas öfter wünschen würden und ob wir nicht noch mehr Kollegen kennen würden, die so etwas anbieten? Wir sagen, wir wissen es nicht, aber wünschen würden wir es uns schon. Wir wissen nur, dass einige Orchester regelmäßig Schulkonzerte anbieten (und natürlich wird von „meinem“ Orchester der aktuelle Flyer überreicht…;) Aber in unserem Hinterstübchen wissen wir: Es ist für diese Schule ein Riesenaufwand, irgendwohin zu fahren, genauso wie für uns Orchesterkollegen es immer ein Riesenaufwand ist, alles in diese kleinen Orte zu fahren (aber wir machen das… schon bald wieder!) Und für uns beide ist es auch mit einem vorbereiteten Programm immer wieder ein freier Tag, den wir uns irgendwo abknapsen müssen.

Aber: Wir machen es gern. Und es ist nötig in unserer zur Zeit sehr chaotischen Welt. Etwas skurill war es für uns schon, dass wir ausgerechnet an diesem Montag von einem Puppenball und von grenzenloser Fantasie erzählen, die Musik entfachen kann. Denn in der Nacht vorher hörten wir von Wahlergebnissen, die alles andere als Fantasie in unserer Welt erwarten lassen. Deshalb: Bitte, liebe Musikerkollegen, lasst eure Fantasie spielen und mit euch spazieren gehen. Geht in Schulen und Bibliotheken und erzählt diese Geschichten, nehmt die Leute mit, damit sie den Mut haben, gemeinsam ein buntes, fantasievolles Miteinander zu leben, statt in Hass und Hetze zu versinken. Denn diese Geschichten sind der Stoff, die das Leben bereichern, die uns zusammenbringen. Musik ist grenzenlos und dringt dahin, wo der Verstand aufgehört hat, wo vielleicht sogar Hass und Gewalt besiegt werden kann. Musik ist die Sprache der ganzen Welt, sie wird überall verstanden und egal, wo auf der Welt Musiker zusammenkommen, sie werden es nicht schwer haben, miteinander zu kommunizieren. Musik bringt uns zueinander, verbindet uns im Innersten, lässt nonverbale Verständigung zu, lässt uns andere wahrnehmen und auf sie eingehen. Es ist uns klar, dass wir mit Geschichten nicht die Welt retten können, aber es würde uns schon reichen, wenn jeder, der diese Geschichten hört und berührt wird, hinausgeht und irgendetwas Schönes mitnimmt, das er weitererzählen kann. Vielleicht wird die Geschichte ja weitergesponnen, denn auch wir wissen gar nicht, was auf dem Puppenball geschehen ist… 😉

 

 

3 Gedanken zu “Zwischen Puppenball und Schule…

  1. Manchmal wünscht man sich wieder Kind zu sein und Besuch vom Duo Leggieramente zu bekommen. Musik hören, dabei die Augen schließen, eintauchen in eine Traumwelt, sich Geschichten ausdenken. Das kann Musik, wenn man sie hört wie ein Kind. Ohne vorgefertigte oder gelernte Interpretation. Einfach nur zuhören, den Gedanken freien Lauf lassen. Dann hörst du die Musik zu dem Film, der gerade in deinem Kopf entsteht.
    Danke an euch und an „Flötina und Harfine“, dass ihr Kinder in diese wunderbare Welt voller Phantasie mitnehmt.
    Matthias

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    1. Danke, lieber Matthias für deine Worte. Wir stellen immer wieder fest, dass man kein Kind sein muss, um sich von Musik forttragen zu lassen. Auch Erwachsene lassen sich gern von Geschichten und Musik inspirieren, das merken wir immer wieder bei unseren Konzertprogrammen für Große, in denen wir oft Musik und Gedichte kombinieren. Wir nehmen dich gern mal mit… 😉

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