Unterwegssein… auch eine Frage des Tempos

Unterwegs… das bin ich gern und viel.

Unterwegs sein, das ist im Groben betrachtet erst einmal Bewegung von A nach B. Je nach Zweck des Unterwegsseins will man fast immer eine Strecke überwinden, um anzukommen, aber manchmal ist auch nur der Weg das Ziel. Eines aber ist unvermeidlich beim Unterwegssein: Bewegung.

Bewegung erfordert ein Tempo, irgendeines, welches auch immer… gleichmäßig, schnell, langsam, schwankend, ruckartig, bremsend, beschleunigend, bummelnd, mäandernd…  Meist hat man selbst die Wahl, man kann schnell das Ziel erreichen oder den Weg, sich umschauend, genießen. In jedem Fall sieht man unterwegs etwas, schnell vorbeifliegend oder langsam durch das Blickfeld gleitend, es sei denn, man schließt die Augen. Was man sehen möchte, ist die eigene Entscheidung.

Ich fahre oft Zug, sehr oft auf der Strecke zwischen Dresden und Leipzig. Meist nutze ich die Schnellzüge, da ich den Weg schnell hinter mich bringen möchte, denn am Zielort Leipzig findet oft das statt, weswegen ich unterwegs bin. Nur wenn es nicht anders geht (wenn´s abends der letzte „Lumpensammlerzug“ ist oder ich unterwegs ein Ziel habe), nutze ich die Regional- oder in meinem Sprachgebrauch, die Bummelzüge, die an fast allen Stationen halten. Viele Orte „fliegen“ in jedem Fall vorbei, denn auch der Bummelzug fährt schnell, hält nur oft und die Mitfahrenden wechseln öfter. Ich kenne die sächsischen Dörfer und Kleinstädte auf dieser Strecke, war in der einen oder anderen schon, um Konzerte zu spielen oder zu muggen. Alles oft im schnellen „Vorbeifliegen“, Zeit zu verweilen blieb meist nicht viel.

Am Ende der Sommerpause entschied ich mich, bevor ich auf dieser Strecke wieder schnell unterwegs bin, einmal langsam zu fahren. Allein, nicht mit dem Zug, sondern mit dem Fahrrad. Eigentlich wollte ich die ganze Strecke fahren, aber aus Zeitgründen wurde es nur eine Teilstrecke. Naja, immerhin. Es ist nicht einfach, in einem Familienalltag als Mutter einfach mal kurz allein in die Langsamkeit abzutauchen.

Tempo - 1 Riesa Bhf
In Riesa stieg ich aus, nicht sehr einladend von Bahnhofsseite aus…

In Riesa stieg ich also aus dem Bummelzug aus und begann eine Art „Streckenbesichtigung“. Riesa, ein Ort, der von Bahnhofsseite aus nicht wirklich einladend wirkt. Und doch ist man kaum einen Kilometer entfernt vom Bahnhofsgelände schon mitten im dörflichen Terrain.

Tempo - 2 Riesa Kirchlein
…aber schon ein kleines Stück weg vom Bahnhof ist es idyllisch dörflich.

Mein nächstes Zwischenziel hieß Oschatz, also nutzte ich den Oschatzer Weg, der am Ende der Häuser in einen Feldweg überging. Geradezu ideal. Ich war unterwegs wie früher die Bauern, ziemlich geradeaus, am Feldrand, holterdipolter, durch einige Dörfer, nur das letzte Stück (2km) auf der B6. Leider ohne Radweg, aber das war´s dann auch schon für diesen Tag auf einer großen Landstraße zusammen mit LKWs und schnellen Autos. Oschatz, ein Ort, der seinem Namen alle Ehre macht und einen sehr schmucken Marktplatz hat. Ich verweilte nur kurz, huldigte den allgegenwärtigen, vormaligen, sächsischen Obrigkeiten am Treppenaufgang, spaßte mit anderen Besuchern vor dem Pranger und radelte weiter.

Tempo - 10 Oschatz Brunnen mit Wappenlöwen
Auf dem schmucken Markplatz von Oschatz…
Tempo - 11 Oschatz Treppenaufgangsbilder
…grüßen die herzöglichen Hoheiten von einst von der steinernen Rathaustreppe…
pranger
…und vor dem Pranger findet sich meist jemand, mit dem man seine Späße über die diversen Gerätschaften machen kann.

Nun führte mich mein Weg durch mir unbekannteres Terrain. Hinter Oschatz ging es fast über den Collm(berg), den ich vom Zug aus immer sehe. Schon von der kleinen Straße am Berg entlang hatte man einen wundervollen Blick über das weite Land zwischen Oschatz und Wurzen.

Tempo - 20 Himmel
Große Weite in Himmel und Land

Auf kleinen Straßen und Forstwegen ging es von Dorf zu Dorf, vorbei an Fischzuchtteichen, Feldern, Höfen (teils bewirtschaftet und herausgeputzt, teils leerstehend und heruntergekommen)…nur: kaum jemanden traf ich. Ab und zu kreuzte ein Traktor, aber in den Dörfern kaum Leute, ab und zu war ein aufheulender Rasenmäher oder nervige Heckenscheren hinter viel Grün zu hören, selten Menschen. Kein Bäcker, keine Kneipe in Sicht. Meist hielt ich kurz am Kirchplatz, in sächsischen Dörfern eigentlich immer ein Ort, wo man jemanden trifft. Nun ja, nur in einem Dorf hatte ich Glück. Eine alte Frau saß auf einer Bank an der kleinen Mauer um den Kirchhof. Ich hielt an und trank einen Schluck aus meiner Wasserflasche. Und natürlich kamen wir kurz ins Gespräch. Die alte Frau war froh, dass mal jemand vorbeikam und auch stehen blieb. Sie erzählte mir, dass sie oft da sitzt um die Mittagszeit, man könne ja nicht nur zu Hause sitzen. Und dass sie manchmal kein Wort spricht am Tag, weil niemand da ist, mit dem sie sprechen könnte. Die jungen Leute würden mit ihren schnellen Autos auf dem Weg zur Arbeit in die Stadt vorbeirauschen, hätten sowieso nie Zeit, viele seien gleich ganz in die Stadt umgezogen und überhaupt, nicht mal den Bäcker gäbe es mehr, wo man mal kurz quatschen könne. (Er hatte keinen Nachfolger gefunden, als er in Rente ging.) Selbst die wenigen Kinder müssten morgens zeitig mit dem Bus wegfahren, wenn sie zur Schule wollten und kämen erst spät wieder. Früher hätte es noch mehr Leben gegeben, jetzt wäre ja niemand mehr da. Tja, was soll man da sagen, ich sah mich um und ja, es war ziemlich einsam hier. Viele Häuser sahen ziemlich unbewohnt aus, einige dafür wieder top saniert mit feiner Einfahrt und liebevoll gepflegtem Vorgarten. Nur Leute sah man nicht. Nun gut, es war ein Wochentag, da sind viele arbeiten, viele fahren weite Wege dafür. Aber kein Kinderlachen, keine Frauen am Gartenzaun, keine werkelnden Rentner. Und das war nicht nur in diesem einen Dorf so, sondern in allen durch die ich gefahren bin.

Tempo - 22 Rad-Kirche-Schild in Collm
Collm grüßt seine Gäste mit einer Holztafel.

Einige Fahnen sah ich, deutsche Fahnen an hohen Masten, Fußball-Fahnen eines weit von hier entfernt gelegenen, sächsischen Fussballclubs (der oft durch gewalttätige Fans auffällt), nicht nur eine. Die Gärten um diese Fahnenstangen meist etwas ungepflegt mit hohen Hecken, kaum einsehbar. Ich habe nichts gegen Fahnen, aber seit einiger Zeit habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu dieser Art Fahnenpräsentation ohne ersichtlichen Feiertag in Grundstücken, wo die Blicke ausgesperrt werden. Wohnen da diese besorgten, diese erlebnisorientierten Bürger? Ich weiß es nicht, aber ich gebe zu, ich fühlte mich nicht wohl in diesen leeren Dörfern mit diesem Erscheinungsbild. Mir sind Dörfer lieber, wo das Leben auf der Straße stattfindet, wo man Leute trifft, die man nach dem Weg fragen kann, wo sich nicht alles hinter hohen Hecken und Zäunen versteckt abspielt. Warum haben viele in Deutschland Angst, wenn fremde Leute zuziehen? Sollte man nicht vielmehr Angst vor leeren Dörfern haben? Nicht nur an diesem Tag dachte ich oft über diese Frage nach…

Tempo - 28 Sachsendorf Schild Rad
Menschenleere Straßen durch die Dörfer, ein Symbolbild.

Es war idyllisch im Wald zwischen den Dörfern. Ich blieb oft stehen und schaute und lauschte, den Wildenten zum Beispiel oder dem Summen der Bienen… ich genoss das langsame Tempo. Ich genoss jede Kleinigkeit auf diesem Weg des langsamen Reisens und nehme viel davon mit in die Zeit des Wieder-Schnell-Unterwegssein-Müssen-Wollens. Wie soll schon Goethe so schön gesagt haben: „Nur wo du zu Fuss warst, bist du auch wirklich gewesen.“

Tempo - 23 Rad am See - Birken
Stehenbleiben und lauschen…

Viele Fragen drängten sich mir auf: Kann man nicht erst überhaupt ein schnelles Tempo geniessen, wenn man die vielen Details auf dem Weg kennt? Ist es nicht auf allen Wegen so? Je genauer man einen Weg kennt, umso schneller kann man darauf gehen/fahren? Natürlich gingen mir Parallelen zur Musik durch den Kopf… Kann man nicht erst dann ein Stück rasant schnell spielen, wenn man um die vielen Kleinigkeiten der Partitur weiß? Macht es nicht erst dann Spaß, sich virtuos in diese Stücke zu stürzen, wenn man diese Details langsam sortiert hat? Ist es nicht langweilig, völlig überstürzt durch eine Gegend/ein Musikstück zu rasen, dessen Einzelheiten man gar nicht kennt? Hört das Publikum einer schnellen Interpretation an, ob sich jemand mit den Kleinigkeiten befasst hat ohne sich darin zu verzetteln? Hört man, ob sich jemand trotz schnellem Tempo Zeit genommen hat, diese Kleinigkeiten zu betrachten? Ob diese Details dem Interpreten etwas bedeuten? Ob er/sie das alles überhaupt betrachten will oder ob es ihm/ihr dabei schnell zu langweilig dabei ist? Ab welchem Tempo wird Langsamkeit eigentlich langweilig? Oder werden dann einfach nur andere Dinge interessant? Natürlich beschäftigen mich diese Fragen schon immer (mein Beruf bringt das zwangsläufig mit sich, das sind vielleicht die wichtigsten Fragen überhaupt) und das Nachdenken darüber gefällt mir. Auf solchen Touren wie dieser langsamen „Streckenbesichtigung“ kommen sie besonders schnell in den Vordergrund.

All diese Fragen werden mir auch immer wichtiger, im gesamten Leben und im detailverliebten Leben als Musikerin. Mit einem Orchesterinstrument ist man meist gezwungen, ein vorgegebenes Tempo mitzugehen. Der Dirigent bestimmt, ob und wie ein Orchester die vielen Kleinigkeiten präsentieren darf, vorausgesetzt alle wollen das. Welche Faktoren tragen letztendlich dazu bei, verschiedene Tempi klar, genussvoll und dem Stück angemessen zu gestalten? Wieviel ist jeder bereit, seine persönlichen Kleinigkeiten über Bord zu werfen, um ein gelungenes Ganzes entstehen zu lassen? Das ist wirklich schwierig zu beantworten und der persönliche Geschmack des Einzelnen steht da oft im Weg. Es ist schwer, bei vielen Kompositionen seit Generationen festgelegte Tempi immer wieder neu zu hinterfragen. Aber wir sollten es immer wieder tun, denn Tempo kann sehr verschieden sein und sehr verschieden aufgenommen werden. Wir sollten immer allen Möglichkeiten offen gegenüber bleiben. Der wichtigste Antwortgeber ist sowieso hinterher das Publikum, denn das entscheidet mit seinem Beifall, ob es auf dem Weg durch die Musik überhaupt mitgenommen wurde oder nicht.

Tempo - 30 Sachsendorf Stall-Vieh-Straße
Abgehängt?
Tempo - 36 Stroh Wurzen
Kurz vor Wurzen

Mein Ziel, Wurzen, erreichte ich am zeitigen Nachmittag. Der Familienalltag rief schon wieder laut, mit dem Bummelzug wollte ich allmählich zurück zum schnellen Unterwegssein. In der Woche darauf begann die neue Saison im Orchester, schon oft fuhr ich seitdem diese Strecke wieder mit dem Schnellzug. Mein Blick aus dem Zugfenster weiß nun wieder ein paar Kleinigkeiten mehr auf diesem Weg einzuordnen, ich bin dankbar dafür und genieße das schnelle Vorbeifliegen, immer in Erinnerung an diesen schönen Tag des langsamen Reisens. Wenn ich nicht langsam gefahren wäre, würde ich diese Zugfahrt vielleicht unendlich langweilig empfinden? Wer weiß…

In der Fußgängerunterführung im Bahnhof Wurzen fand ich diesen Spruch:

Tempo - 38 Ringelnatz

„Viel passiert zu allen Zeiten in der Welt der Kleinigkeiten. Stimmt bald ernst und stimmt bald heiter, so, nun geh bitte weiter.“

Joachim Ringelnatz

Und nun gehe ich weiter… 😉 Schnell, langsam, schleichend, energisch voranschreitend, bummelnd, hetzend, wutig trampelnd, nachlässig schlurfend, fröhlich pfeifend und singend… aber immer schauend!

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Unterwegssein… auch eine Frage des Tempos

  1. Wie schön…! Ich finde Tempowechsel beim Unterwegssein auch sehr spannend und weiß noch, wie mir nach einer Woche zu Fuß in Südfrankreich der Zug zurück auf einmal so schnell vorkam… und konnte mir auf einmal vorstellen, wie irrsinnig schnell sich die ersten Dampfeisenbahnen (ich glaube, um 30 km/h?) für die Menschen, die vielleicht allenfalls eine Postkutsche (ca. 10 km/h?) gewöhnt waren, angefühlt hatten.

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