Etwas „Weitergeben“

Dieser Feiertag… Buß- und Bettag genannt, in unserer Familie traditionell zum Innehalten und Rückschauen genutzt…

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Aber er bietet auch viel Platz für Dinge, für die man sich sonst nicht oft Zeit nimmt. Und Zeit braucht man für etwas, was ich als Kind von meiner im Erzgebirge aufgewachsenen Mutter lernte – für das Klöppeln. Schon lange hängt ein „unvollständiger Baum“ in meinem Fenster, dem die Wurzeln fehlen…

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Als meine Kinder klein waren, friedlich im Garten im Kinderwagen schliefen, ich in Elternzeit war, entstanden die ersten beiden Kreise. Zuerst der obere mit der Sonne und dann der mittlere mit den Vögeln. Heute sind die Farben schon leicht ausgeblichen, aber das alles ist kein Grund, dem Baum nicht doch noch seine Wurzel zu geben. Also los…

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Als ich das Klöppeln lernte, war die erste Arbeit eine Taschentuchkante… nun ja, ich lernte die ersten Handgriffe dabei, einen praktischen Nutzen bekam die Kante aber nicht, ich weiß nicht einmal, ob ich sie wirklich an ein Taschentuch nähte. Aber das Klöppeln machte mir Spaß. Dass meine Mutter dieses für mich „nutzlose“ Ding als Start auswählte, hatte einfach den Grund, dass es auch ihre erste Arbeit in der Klöppelschule war. Für sie waren diese Kanten und Decken bis dahin der Inbegriff des perfekten Köppelns. Ja, sie besuchte als Kind nach der Schule eine Klöppelschule, wo eine gestrenge Lehrerin über die korrekten Handgriffe wachte. Sie erzählte mir ausgiebig davon und ich dachte nur: „Bloß gut, das du da nicht hin musst…“. Mucksmäuschenstill musste es dort sein und hochkonzentriert, mit den Hutznohmd´n der alten Klöpplerinnen in den erzgebirgischen Liedern hatte der Unterricht in der Klöppelschule gewiss nichts zu tun.

Ich lernte also bei meiner Mutter das Klöppeln. Im Großen und Ganzen so, wie man es wohl macht. Schnell nahm ich mir ein paar Freiheiten heraus und klöppelte mehr Kurven als auf dem Muster standen. Meine Mutter meinte immer nur: „Mach, aber so geht das eigentlich nicht.“ Mein gegen die strenge Geradlinigkeit meuterndes Gemüt kam immer mehr durch, meinte: „Diese ganzen strengen Muster an irgendwelchen Tischdecken oder Deckchen machst du nie wieder!“ Und so entwickelte sich das Ganze… Ich liebe es bis heute, wenn die Klöppel klappern und ich Bilder entstehen lasse. Natürlich habe ich auch Decken gemacht, aber streng gerade sind sie nie geworden, weil ich es nicht wollte, ich suchte mir immer moderne, unsymmetrische Vorlagen…

Meine Töchter sind nun groß, Zeit dieses Wissen um diese alten Handwerksfähigkeiten weiterzugeben und vielleicht eine Zeitlang gemeinsam zu klöppeln, ehe sie aus dem Haus stürmen, erst einmal ganz eigene Wege gehen und andere Dinge viel wichtiger sind. Die Kleine lernt die ersten Handgriffe an einem kleinen Christbaumhängerchen (nein, es ist nicht gerade, aber immerhin symmetrisch), sie hat Freude daran. Die Große schaut von fern (vor einiger Zeit hatte sie schon einmal versucht, ich weiß nicht, ob sie dazu zurückkehrt… das weiß man als Mutter wohl nie und das ist auch gut so. Vorenthalten werde ich es ihr aber nicht.) Beide sind auch auf anderen Gebieten ziemlich kreativ.

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Das Schönste ist vielleicht und das nur ganz am Rande… Die kleine Tochter schickt der Großmutter stolz Fotos vom Fortschritt auf ihr Smartphone, damit sie die Treppe in unserem Drei-Generationen-Haus nicht extra steigen muss und was passiert? Eine halbe Stunde später steht die Großmutter mit Handy bei uns und sagt: „Du hast so tolle Fotos geschickt, ich habe dir geantwortet… Hast du das gar nicht bekommen?“ Die Tochter schaut kurz auf und sagt: „Ach, Oma, dafür habe ich doch jetzt wirklich keine Zeit… Wo liegt überhaupt mein Handy?“ Wir schauen uns alle an und grinsen. Bei uns lernt wirklich jeder von jedem. (Die Nachrichten waren alle angekommen und jeder lobte den Fortschritt des anderen, die eine den beim Klöppeln, die andere den beim Smartphonebedienen.)

Wenn man diese alten Tätigkeiten pflegt, wird man ja schnell auch mal als „biederes Hausmuttchen“ abgestempelt, weil jeder so seine Vorstellung von diesem erzgebirgischen Handwerk hat. Vorurteile begegneten mir immer wieder, wenn ich erwähnte, dass ich klöppeln kann und es gern mache. Den Schauklöpplerinnen auf den (Weihnachts)märkten (ja, es sind fast ausschließlich Frauen, die Männer waren früher im Bergwerk und saßen beim Hutzenohmd maximal schnitzend dabei) schaute ich gern über die Schultern und fragte nach Tipps und Tricks. Als Kind war ich die Außenseiterin, wenn ich davon erzählte, aber das war ich ja sowieso schon, weil ich fast jeden Nachmittag zu irgendeiner Orchester- oder Kammermusikprobe rannte und keine Zeit zum „Rumhängen“ mit Schulfreunden hatte. Ich hing dann eben vor der Probenraumtür mit „Musikkumpel(ine)n“ herum. 😉 Es tat also meinem ohnehin komischen Ruf nichts obendrauf, wenn ich mich auch noch mit so biederen Tätigkeiten wie dem Klöppeln abgab. Aber ich erzählte auch nicht viel davon, sondern hatte einfach meine Freude daran. Heute bin ich froh, dass ich es kann und dass ich so damit gestalten kann, dass für mich schöne Dinge dabei herauskommen. Nur dieses Gefühl möchte ich eigentlich weitergeben. Dieses Gefühl, etwas zu können, was seit langer Zeit immer weiter überliefert wird, mit jeder Generation und äußeren Einflüssen sich verändert und was ich auch an andere weitergeben kann. Ich weiß, dass Klöppeln nichts total Wichtiges und Weltbewegendes ist, sondern heutzutage in erster Linie dem Wohlbefinden dient. Man kreiert etwas Schönes, andere schauen es eventuell gern an, denn es ist etwas, was man mit seinen eigenen Händen geschaffen hat und vielleicht noch lange besteht.

Als ich fast am Ende des Tages einen kleinen Eindruck unseres Tageswerks twitterte, merkte ich, wie wichtig für uns alle dieses „Weitergeben“ ist und dass wir alle uns wieder viel mehr darauf besinnen müssten. Gerade in diesen unruhigen Zeiten, in denen soviel Unsicherheit herrscht und oft über die eigenen kulturellen Werte debattiert wird. Es gehört für mich zum Inbegriff einer Kultur, dass lange überlieferte Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben werden, sei es nun ein Handwerk oder geistige Fähigkeiten. Respekt vor den Altvorderen, Erfassen von historischen Zusammenhängen und die Bereitschaft bzw. die Verantwortung, dieses Wissen an die nächste Generation weiterzugeben sollten uns immer wichtig bleiben, in allen großen und kleinen Dingen. Dass man dabei die Auffassungen früherer Generationen respektiert, schließt ja noch lange kein Weiterdenken und Verändern aus. Auch fremde Einflüsse können sehr bereichernd sein und waren es auch schon oft. Davon geht die Sache an sich ja nicht verloren, sondern gewinnt nur an Wert. Deshalb gebe ich das, was ich von meiner Mutter lernte, gern auf meine Weise an meine Kinder weiter… Was diese dann daraus machen, ist wiederum ihre Sache. So ist das in dieser kleinen handwerklichen Liebelei, aber so sollte es wohl auch in der großen Welt sein…

Ich wünschte mir, wir würden mehr von dem weitergeben, was für uns kostbar ist und nicht immer öfter auf Dingen herumreiten, die uns negativ auffallen.

5 Gedanken zu “Etwas „Weitergeben“

  1. Ooooh, ich finde das sooo schön! Damit triffst du bei mir echt einen Nerv. Zum Einen, weil ich Klöppeln total schön finde und es unbedingt mal ausprobieren will – und zum Anderen, weil es auch bei uns so war. Wobei ich als Kind gar kein Interesse an Handarbeiten gezeigt habe (außer vielleicht völlig missglücke Nähversuche). Aber mit ca. 20 wollte ich dann von meiner Mutter Stricken und Häkeln gezeigt bekommen. Meine Mutter ist fast vom Stuhl gefallen, als ausgerechnet ich, die chaotischste aus der Familie, sie darum gebeten habe. Aber sie hat’s mir mit einer Engelsgeduld gezeigt. Und mich für Verrückt gehalten, als ich ausgerechnet mit Miniatursachen anfangen wollte. Mein zweites Projekt war gleich eine große Strickpuppe mit Kleidern (mit superdünnen Nadeln und mehreren Nadelspielen), und niemand hat vermutlich gedacht, dass die jemals was wird. Heute thront sie als mein Ebenbild im Schrank. Oder die gestrickten Christbaumkugeln mit Norwegermuster, in die ich dann lieber Oldschool-Computerspiel-Figuren reingestrickt habe. Und heute suche ich mit meiner Mutter die Sachen raus. Und mit Amigurumi-Häkeln habe ich sie angesteckt, für ihre Nichten hat sie einen ganzen Zoo gehäkelt 😀

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    1. Das kann ich mir alles gut vorstellen… 😂 …du wärst sicher genau so ein kreativ-chaotische Klöpplerin wie ich (die Klöppellehrerin meiner Mutter würde laut schreiend davonlaufen). Was du beschreibst, ist genau meine Herangehensweise…

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  2. Hut ab. Ich find’s cool- vor allem, dass du deinen eigenen Stil durchgesetzt hast.
    Ich hab bei sowas leider 2 linke Hände. Hab schon bei Stricken und Häkeln aufgegeben… Nähmaschine hab ich, kann ich mich aber auch selten zu aufraffen.

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