Ein altes Ding…

Es war ein altes Ding… heruntergekommen, mit Grünspan an den Klappen, keine Klappe deckte, die Kiste kaputt… aber für 100,- DDR-Mark (für meine Eltern damals viel Geld) war sie meine. Meine erste Querflöte… eine alte Philipp-Hammig-Flöte mit der Nummer 366…

Gekauft hatten wir sie von einem alten Mann, der in unserem Kirchenchor im Tenor sang (er sang oft ziemlich falsch, aber mit viel Herz, man konnte es ihm nicht übelnehmen, man spürte, wie er in der Chorprobe aufblühte und oft alle erheiterte, aber insgeheim waren wir immer froh, wenn er wieder einmal heiser war und „nur“ zuhörte… heute kann ich das schreiben, denn vor einigen Jahren spielte ich ihm auf seinem letzten Weg mit „seiner“ Flöte die letzte Geleitmusik. Er war ein besonderer Mensch und wird mir auch immer in Erinnerung bleiben.

Es war wirklich ein Glücksfall, dass ich die Flöte bekam. Eigentlich wollte ich ja Oboe lernen, nachdem ich mich mit 15 endlich entschieden hatte, von der Blockflöte auf ein „richtiges“ Holzblasinstrument umzusteigen (sorry, liebe Blockflötisten, ich wollte einfach in ein großes Orchester…). Aber an der Musikschule gab es damals gerade kein Leihinstrument und der Lehrer meinte nur: „Na, du mit deinen Lippen, das ist ein Flötenmund, geh mal zu den Querflöten.“ Und damit war die Sache beschlossen. Ein Leihinstrument gab es da zwar auch nicht (man musste sich wie für einen Trabi anmelden und dann wartete man oft jahrelang, die Anmeldungen wurden „vererbt“), aber meine Eltern haben ringsum jeden gefragt, ob nicht zu Hause irgendwo noch eine alte Flöte herumliegt, die man wieder herrichten könnte und so landeten wir bei dem alten Choristen, der gleich ganz begeistert war. Er erzählte, er hätte als junger Mann Flöte gespielt, aber als er heiratete, hätte es seine Frau nicht mehr ausgehalten, wenn er übte… Naja, dazu schreibe ich jetzt bessser nichts… er wäre nun sehr glücklich, wenn ich darauf spielen würde.

Da es eine Hammigflöte aus Markneukirchen war, lag es natürlich nahe, dass wir auch die Reparatur und Wiederherrichtung dort in der Werkstatt durchführen ließen. Die Flötenbauer staunten nicht schlecht, als wir mit dem „alten Knüppel“, wie sie die Flöte nannten, ankamen. Sie polsterten die Klappen neu, reinigten die Mechanik und es konnte losgehen. Wann die Flöte genau gebaut wurde, konnten sie uns nicht sagen, nur, dass sie vor 1929 gebaut wurde (ab Nr. 400 wurde dann wohl Herstellungsdatum usw. in den Firmenakten erfasst).

Die ersten Töne waren schnell erlernt und leider tat sich auch auf, dass es mit dem originalen Kopfstück schwierig sein würde, gut voranzukommen. Ein Riss erlaubte nur eine kurze Spieldauer, dann kam nur noch heiße Luft. Eine Reparatur war leider erfolglos, der Riss brach immer wieder auf, da ein angrenzender Metallring zu stark arbeitete.

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Der Riss war leider irreparabel, aber auch sonst erwies sich das alte Kopfstück als nicht gut für eine Anfängerin.

Aber über das erste Jahr kam ich und dann konnte ich glücklicherweise ein Leihinstrument bekommen. Kurze Zeit später konnte ich sogar eine Neusilberflöte (für DDR-Verhältnisse damals ein Glücksfall, auch Hammig, Markneukirchen) kaufen, die mich durch mein ganzes Studium begleitete. Erst nach dem überraschend gewonnenen Probespiel in Leipzig (schon nach der Wende und im Instrumentenkaufparadies, damals ich hatte nur kein Geld, um sofort ein neues Instrument zu kaufen) wurde die Neusilberflöte durch eine für mich gebaute Silberflöte ersetzt (ich verschuldete mich hoffnungslos, aber ich verdiente ja nun selbst Geld). Die Holzflöte hatte ich da schon fast vergessen.

Meine erste Lehrerin hatte jedoch gemeint: „Diese Holzflöte würde ich mir gut aufheben, wer weiß, wozu du sie noch brauchst.“ Irgendwie hatte sich der Satz festgesetzt und so schmorte sie in meinem Schrank und fristete ein klangloses Dasein.

Dann tauchte mein Kollege mit seiner alten Holzflöte auf und erzählte, dass er sich ein neues Kopfstück dafür gekauft habe und ich solle doch mal hören und… Wow, ich war begeistert, was man aus so einer alten Flöte mit einem neuen Kopfstück machen konnte! Und naja, wie das so ist, da kommt eins zum anderen. Ich holte natürlich zu Hause die Flöte aus dem Schrank, ließ die Mechanik wieder gängig machen und probierte auch so ein neues Kopfstück. Herr Mancke, der Kopfstückbauer ist wirklich ein Zauberer! Es war eine neue Welt!! Dieses alte Ding klang wieder wunderbar.

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Die alte Flöte mit dem neuen Kopfstück der Firma Mancke klingt wieder!

Mein Kollege und ich spielten gemeinsam ein Telemann-Doppelkonzert, es war eine Wonne. Gerade für diese Art Musik hat sie genau den richtigen warmen, leichten Klang. Und das alles auf einer modernen Böhmflöte. Genau das richtige, wenn man als Orchestermusikerin, die immer nur auf modernem Instrumentarium unterwegs ist, diese Musik spielt und nicht so schnell auf Barockinstrumente umsteigen möchte/kann. Ich spiele seitdem wieder sehr oft auf meiner Holzflöte, wann immer schnell mal eine Bachkantate zu musizieren ist oder Mozart/Beethoven/Haydn oder zusammen im Duo Leggieramente… ich liebe es, auf ihr und mit ihrem Klang zu spielen und inzwischen ist der Umstieg sehr unkompliziert.

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Flöte ausgepackt und losgespielt. Herrlich!

In dieser Woche spiele ich die Bachsche Johannespassion darauf, oft sang ich sie damals im Chor mit, heute aus Flötensicht heraus entdecke ich immer wieder andere Details. Die Flöten verstärken zum Beispiel sehr oft die Tenorpartie in den Chören, da höre ich manchmal in die Vergangenheit hinein, wie der Tenor mit den hohen Tönen kämpft (nein, der Chor diese Woche kämpft da nicht, es ist eine Wonne, dem Kammerchor der Dresdner Frauenkirche zuzuhören ;)) und muss wieder an den alten Choristen denken… wenn er wüsste… 😉

 

6 Gedanken zu “Ein altes Ding…

  1. Oh, wie schön, ich liebe den Holzflötenklang! Mit so etwas liebäugel ich auch, aber ich sollte erst mal wieder die Staubschicht von meinem Flötenkasten pusten…
    Ich weiß noch, wie ich vom Musik-Schulleihinstrument (’ne ziemlich mitgenommene „Röhre“, sogar leicht verbogen) nach einem Jahr auf ein eigenes (jetzt auch nicht neu, aber immerhin neuer und überholt, Yamaha) umstieg – und auf einmal sprachen die Töne so toll an, rauschfrei und satt und klar, in der Höhe wie in der Tiefe… ;-).
    Aber was ist ein Flötenmund? Besonders breit insgesamt? Besonders schmale oder breite Lippen?

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    1. Ah, ok, ich kann mir ja einfach das Foto hier im Blog anschauen, dann sehe ich ja die Lippenform – wenn’s danach geht, habe ich wohl auch einen Flötenmund. Allerdings habe ich auch schon manchmal beim Spielen gedacht, schmalere Lippen wären auch nicht unpraktisch, ich bilde mir ein, die müsste man nicht so breit ziehen, um einen präzisen Luftstrom zu erzeugen, einfach weil weniger Lippe „im Weg“ ist… 😀 Aber das ist wahrscheinlich Unsinn. 😉

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  2. Liebe Susanne,
    was für ein liebevoller Text über eine so innige Beziehung! Was für eine Freude, das zu lesen, Du hättest noch ewig weitererzählen können ….
    Liebsten Gruß, hier vom fernen nahen Kontinent, der sich in mancher Hinsicht doch gar nicht so unvertraut anfühlt,
    Frau Rebis

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