Vom Reisen, von Weiten und dem Erlebten

Schon lange war es ein Traum, in den riesigen Weiten Amerikas herumzufahren, wenn auch nur in einem kleinen Teil davon, in diesem Sommer sollte es soweit sein… in Kalifornien sind wir herumgefahren und auch von diesem Kalifornien nur in einem kleinen Teil… Man fliegt lange, sehr lange dahin, fliegt über die riesigen Flächen von Grönland und Kanada und dann fliegt man immer noch mehrere Stunden über Amerika… man kommt vom Riesigen wieder ins Kleine, das einem dennoch so groß vorkommt… man kommt, um herumzufahren in diesen natürlichen Kulissen all der Bücher und Filme, die man las und sah, in den Städten, die so viele europäische und asiatische Auswanderer erbaut und geprägt haben, fährt auf den legendären Straßen, über die weiten Prärien, durch riesige Wälder, weite, heiße Wüstentäler… um einzutauchen in die Welt der Nachfahren derer, die vor etwa 200 Jahren dort einfielen, in einen Goldrausch verfielen und einen Kulturwandel erzwangen, der dieses Stück Erde komplett verwandelte… um ein wenig auf deren Spuren zu wandeln und diesen Teil der Welt bruchstückhaft zu erkunden.

Kalifornien Death Valley
Death Valley von oben, der Aussichtspunkt heißt Dante´s View, man schaut bei Temperaturen weit über 40 Grad über die riesigen Salzflächen, den „Golfkurs des Teufels“ und den Furnace Creek und ist dankbar, dass das Fortbewegungsmittel kein Fahrrad ist.

Ich liebe eigentlich das langsame Reisen, das allmähliche Erkunden und Erspüren der örtlichen Gegebenheiten, klimatischer Besonderheiten und Eintauchen in das Leben der Einheimischen. Langsam reisen heißt oder besser hieß für mich bis jetzt: vorankommen per Fahrrad (das wird es auch wieder heißen) mit viel Zeit zum Schauen, ein Gelände mit eigener Muskelkraft erkunden, Wetterscheiden im eigenen Gesicht zu fühlen. So erlebt man die Kraft der Natur am ehesten. Angesichts der amerikanischen Weiten und des ungewohnten Klimas ist das allerdings illusorisch, wenn man nicht quasi am Ort bleiben will und sich in einen zeitlichen Rahmen einfügen muss (der mit reichlich drei Wochen das Maximum unseres Limits erreicht hatte). Also war dieses Ziel nur per Flugzeug zu erreichen und per Auto zu erkunden.

Ganz ehrlich, angesichts der Dimensionen in diesem Land, ist Reisen im Auto dort sehr langsam und ich musste schon da meine Maßstäbe verschieben. Die Höhenmeter, die man dabei mühelos zurücklegt, merkt man allemal am Verhalten des Autos, man nimmt es oft nicht unmittelbar wahr, man sieht es nicht, denkt es geht eben hin. Tausend oder zweitausend Höhenmeter überwinden auf einer Strecke, die oft 10/20/30 oder gar 40 km strikt geradeaus führt, erlebt man im Auto ja auch nur bedingt körperlich. Da braucht es schon besondere Beobachtungen der Natur und einen mitlaufenden Höhenmesser, um das einschätzen zu können. Wie leicht verliert man dabei den Kontakt zur Natur. Zur Natur, die uns eigentlich nicht braucht… Wie leicht wechselt es sich zu Fortbewegungs- und Zivilisationsarten, die dieser Erde gar nicht gut tun und merkt gleichzeitig, wie normal das für andere ist und wie selbstverständlich…

Kalifornien Fels
Die Stille an dieser Stelle war sehr ungewohnt und eindrücklich… ein besonders schönes Erlebnis im Joshua Tree National Park.

An den einsamen Stellen, wo wir ausstiegen, waren wir oft ganz allein. Sobald der Motor des Autos abgestellt war, spürte man die Weite, die Stille ganz körperlich (wir wünschten uns wegen der klimatischen Bedingungen dennoch kein Fahrrad). Hitze und Staub, Felsen und Pflanzen, ab und zu ein Tier, selten andere Menschen… so eine Einsamkeit findet man selten in Europa. Ein besonderes Gefühl, so etwas zu erleben und schon da war die Reise eine Riesenerfahrung. An anderen, prominenten Ausblicken waren mehr Menschen, mehr Autos (zum Teil riesige Wohnmobile, ausgestattet mit allem, was man sich wünschen kann, worauf viele unterwegs nicht mehr verzichten wollen, Benzin ist sehr billig, da kommt es nicht drauf an, ob man noch Motorrad und Kleinwagen im Anhänger mitführt…) Da kommt man schon sehr ins Nachdenken, mit welchem Luxus viele so selbstverständlich unterwegs sind und zu welchem Preis für uns und  für die Natur. Wenn man dann all die selfieschießenden, oft nur kurz verweilenden Leute beobachtet, gerät man wahrlich ins Grübeln… Was ist für viele der Sinn einer solchen Reise? Urlaub oder Reiseortsammlung? Trophäensammlung des eigenen Gesichts am begehrten Ort? Abhaken der Reiseziele? Wenn die Leute alle zu Hause gewohnten Dinge mitnehmen, spüren sie überhaupt die Entbehrungen, die sie in diesen Weiten, die oft sehr karg sind, erbringen müssten, wenn kein Auto zur Stelle wäre, wenn sie laufen, reiten, Fahrradfahren müssten? Wie schnell ist der Griff zur Wasserflasche (die man unweigerlich immer dabei hat und auch sehr oft aus den großen Galonenbehältern, die das Auto in der Gegend herumfährt, nachfüllt)? Überlegt man sich noch, wie mühsam es wäre, an Wasser zu kommen, wenn es keine Supermärkte, keine schnellen Autos gäbe? Spürt man noch die Gewalt der Natur, die Kraft des Pacific beispielsweise, wenn man nah am Abgrund auf den Steilküstenklippen wieder ein möglichst spektakulär aussehendes Foto mit wehendem Haar gemacht hat, das man dann den vielen Facebookfreunden zeigen kann?

Die Natur steht da und oft braucht sie uns nicht, auch wenn an vielen Stellen inzwischen deutliche Notrufe von ihr gesendet werden. Hören wir sie? Wir sollten demütig schauen, ihren Wundern nachspüren. Deshalb wollte ich dorthin. Oft fand ich mich allerdings in einem kommerziellen Strudel wieder.

Kalifornien Küste
An der Pacific-Küste. Wild und kraftvoll, der Wind steht nie still…

Die natürliche Gewalt spüren viele wohl nur durch die Umleitung, die man derzeit auf der Route Nr.1 fahren muss, weil es einen riesigen Hangrutsch im Frühjahr gab. Die Straße ist noch mindestens ein Jahr gesperrt, weil der ganze Hang in Gefahr ist, abzurutschen. Die Hoteliers bangen um ihre Existenz, die Touristen ärgern sich über weite Umwege, aber sie touren von beiden Seiten heran und schießen weiter ihre Fotos. Es ist ja auch fantastisch anzusehen. Erosion gab es schon immer, Brände, die die stützenden Pflanzen vernichten, auch, rutschende Hänge… „Das wird schon nichts mit uns zu tun haben.“

Wenn man von Unterkunft zu Unterkunft (Hotel, Motel, Lodge ect.) reist, erlebt man ebenfalls oft gnadenlose Sorglosigkeit. Es fängt beim allmorgendlichen Frühstück an… Plastikbecher, -besteck, Pappteller wandern am Schluss in einen riesigen Müllsack. Aus dem Blick, aus dem Sinn… Nicht nur, dass es einen ausgesprochen lieblosen Eindruck der Bewirtung hinterlässt, man fragt sich, wie lange das noch gut geht. Ich lernte auf dieser Reise: Reisebesteck und Trinkbecher für alle Mitreisenden gehören ins Gepäck Amerikareisender, sonst ärgert man sich nur und hat ein doppelt schlechtes Gewissen. An anderer Stelle, beim Besuch in einem Meeres-Aquarium voll mit Behältern, die wunderbar einen Bruchteil der Ozeantier- und -pflanzenwelt zeigen, werden einem erst alle möglichen Rettungsversuche aussterbender Tiere nahe gebracht und am Schluss wird noch auf die Zustände der Ozeane verwiesen (was sich allerdings an der Stelle nur noch wenige durchlesen, da die Kinder quengelnd nach dem nächsten schnellen Imbiss verlangen, dort immerhin mit wiederverwendbarem Plastikgeschirr serviert.). Der Ansatz des Meeresmuseums ist gut, allerdings ist es zu leicht, an den Mahnungen vorbei zu gehen. Man fragt man sich, ob die Hoteldirektoren jemals davon gehört haben. Man fragt sich, warum alle wegschauen… „Das wird schon nichts mit uns zu tun haben.“

Kalifornien Sequoia
Riesige Sequoia-Bäume. Man steht ehrfürchtig vor Größe und Alter davor. Was mögen diese oft über 1000 Jahre alten Bäume schon erlebt haben und was würden sie zu den heutigen Zeiten sagen, wenn sie reden könnten? Massen von Menschen ziehen tagtäglich an ihnen vorbei, sie werden zigfach fotografiert, ja, von mir auch… wie lange werden sie uns Menschen noch aushalten?

Noch ein anderes Beispiel. Wir fuhren durch weite verbrannte Flächen. Brände sind allgegenwärtig, entstehen oft, manchmal einfach so, manchmal durch Fahrlässigkeit, sie gehören seit eh und je zum Sonnenstaat Kalifornien dazu… Die riesigen Sequoiabäume, viele über 1000 Jahre alt, brauchen Feuer zur Reproduktion, sie überleben diese Feuer durch ihre sehr dicke Rinde, die Samen gehen erst auf, wenn es Feuer gab. Die Natur ist es gewohnt und erhält sich auf diese Art und Weise, seit vielen tausend Jahren ist das so. Heutzutage ist der Anblick der Brandflächen schmerzhaft für uns, weil wir immer zuerst an die erlittenen Verluste, die damit einhergehen, denken. Verluste von Eigentum und Besitz, von dem, was die Menschen sich nahmen, um schnell und oft ohne viel Nachdenkens ihren gewohnten Lebensstil zu etablieren. Um diesen Lebensstil zu sichern und zu mehren, griff und greift der Mensch in die natürlichen Abläufe ein und wurde und wird immer besitzergreifender, viele Brände würden ohne unsere Besiedelung gar nicht entstehen. Die Urbevölkerung lebte in Demut und Einklang damit, doch sie war den besitzergreifenden Eindringlingen vor 200 Jahren unterlegen. Sie wurde gewaltvoll fast vernichtet und mit ihr das Wissen um ein Zusammenleben mit der Natur. Einige wenige überlebten, pflegten nach und nach wieder ihre alte Lebensweise und genießen mittlerweile vielerorts hohes Ansehen. Viele Amerikaner setzten sich inzwischen für die Einrichtung von Nationalparks ein, um ein Abholzen dieser einmaligen Wälder zu verhindern, denn sie sind die Oasen in dieser kargen Landschaft, die von immer mehr Wüstenland eingenommen wird. Immer wieder (und auch in allerletzter Zeit von diesem… nein Präsident kommt mir nicht über die Lippen… seufz) wird versucht, die Größe dieser Parks einzuschränken und die Flächen „wirtschaftlich zu nutzen“, um so unkontrollierte Brände zu beherrschen bzw. verhindern. Wie kurzsichtig ist das doch gedacht… „diese ständig zunehmenden Naturkatastrophen werden schon nichts mit uns zu tun haben.“

Kalifornien Feuer
Fahrt durch ein riesiges Gebiet, was 2013 brannte. Nur die Sequoiabäume überlebten, bodendeckende Büsche wachsen langsam nach. Ein paar Kilometer weiter stand gerade ein weiteres Gebiet in Flammen, alltägliches Thema in den Nachrichten.

Sehr viele Eindrücke haben sich mir eingeprägt, sehr viele wunderbare Bilder, die in meinem Herzen bleiben, aber auch diese Gedanken, die ich hier niederschrieb. Sie sind das, worüber ich vorher und ganz besonders jetzt nach dieser Reise oft nachdenke.

Wie klein ist doch der Mensch auf der Erde und wie groß macht er sich. Ich weiß, dass ich nicht so bald wieder dorthin kommen werde, schon allein, um nicht mit einem unverantwortlichen Flugverhalten zu dem ganzen Klimakatastrophen-Irrsinn mehr als nötig beizutragen. Ich erhielt unterwegs Tweets mit Aufforderungen, den persönlichen ökologischen Fussabdruck zu ermitteln… Hm, ich weiß, dass er als (urlaubender) Europäer in Amerika sehr ungünstig ausfallen wird, allerdings sind diese Tests oft auch ein wenig kurz gedacht (Entschuldigung!). Ich nehme diese Dinge nicht auf die leichte Schulter. Dennoch finde ich solche Reisen wichtig, denn nur wo ich mit meinen Füßen stand, mit meinen Augen schaute und mit meiner Nase roch, bin ich wirklich mit dem Herzen gewesen und kann mir eine Meinung darüber erlauben (demnächst fahre ich wieder Fahrrad, versprochen ;). Ich bin der Meinung, wenn ich die Weite kenne, lerne ich im Kleinkarierten besser von Wichtig und Unwichtig zu unterscheiden.

Wie winzig kommen einem nach der Rückkehr die Landschaften Europas vor. Wie klein sind die Entfernungen. Wie eng gedrängt sind Städte und Dörfer hierzulande… und wie kleinkariert argumentieren wir manchmal, so als ob uns der Rest der Welt nichts anginge.

Andererseits: Wie reich ist Europa an Geschichte, reich an Kultur auf engstem Raum, die man nur erfassen kann, wenn man den kleinen Dingen im Leben Aufmerksamkeit schenkt. Sie werden erst deutlich, wenn man riesige Weiten gesehen hat und man ordnet sie ganz anders ein. Nach dieser Reise bin ich mir allerdings auch nicht sicher, ob man die „Kleinigkeiten Europas“ und die damit verbundene reiche Geschichte überhaupt entdecken kann, wenn man immerzu durch solche Weiten mit vergleichsweise sehr kurzer menschlicher Geschichte fährt, deren natürliche Weite man gar nicht einschätzen kann. Ich war immer erstaunt, wenn amerikanische Freunde hierher kamen und Berlin-Paris-Prag in fünf Tagen „abfuhren“… jetzt kann ich mir das erklären. Ich geb´s zu, es war irgendwann ein running gag und die Familie brach in augenrollendes Gelächter aus, wenn ich in einer typisch amerikanischen Stadt, die alle gleich aussehen, beim Anblick irgendeines „nach alt“ aussehenden Hauses immer wieder augenzwinkernd rief: „Schaut, das ist bestimmt das historische Stadtzentrum!“ und alle wussten genau, das ist entweder nachgebaut oder allerhöchstens 200 Jahre alt. Eigentlich strahlen nur die Städte ein Flair aus, die eindeutig europäische Siedler besiedelten und deren Spuren bis heute sichtbar sind (San Francisco, Santa Barbara, San Diego… und viele mehr). Ich will alles andere gar nicht hässlich reden, aber so ist mein Eindruck, auf Kleinigkeiten wird meist kein Wert gelegt, man selbst steht im Vordergrund. (Schade und Sorry.) Alles ist auf „große Linie“ angelegt, meist „auf´s Geschäft“, große Offenheit auf den ersten Blick, schnelle Zugänglichkeit, aber auch viel berechnende Oberflächlichkeit… vieles nehme ich für mich mit aus diesen Tagen, ich wünsche diese Erfahrungen vielen, denn wir alle können so viel voneinander lernen.

Wir sollten trotz aller (klimaschädlichen) Einwände weiterhin solche Reisen machen, damit wir einander besser verstehen, nur alle gemeinsam werden wir vielleicht noch etwas bewegen oder retten. Nur: Erleben wir diese Reisen auch wirklich! Schauen wir hin, reflektieren das, was wir sehen, saugen Weite und Offenheit auf, machen auf Kleinigkeiten aufmerksam, die wir sehen, setzen Liebgewordenes im eigenen Leben um und reisen nicht dahin, um Luxusurlaub abzuhaken, das können wir uns nicht mehr leisten. Wenn wir weiterhin so sorglos in der Welt herumreisen, müssen wir unseren Kindern wirklich solche Briefe schreiben http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/46223.

Jetzt habe ich viel mehr geschrieben als ich wollte oder sollte (ich habe da wirklich viel zu wenig Überblick), vielleicht ist es aber auch wichtig, endlich so viel aus eigener Sicht über dieses Thema zu schreiben, ich weiß es nicht… Danke für´s Lesen und vielleicht denken wir alle gemeinsam weiter… nötig ist es.

2 Gedanken zu “Vom Reisen, von Weiten und dem Erlebten

  1. Gelesen, an die eigene Reise – in den Wochen, in denen Obama Präsident wurde – gedacht, erinnert, gelächelt. Und beim lesen deiner Gedanken über das Reisen immer und immer wieder zustimmend genickt. Doch, es gibt sie noch, die einsamen, weitläufigen Orte, auch in Europa. Die polnischen Urwälder an der Grenze zu Weisrussland, Island (leider nur noch außerhalb der Saison), überhaupt Skandinavien. Doch die Weite in der Mitte der USA hat auch mich beeindruckt.
    An einer Stelle muss ich allerdings Wiederspruch anbringen: Flair haben nicht nur Städte die eindeutig europäische Siedler besiedelten wie San Francisco, Santa Barbara, San Diego, Flair haben auch viele Lost Citys. Wenn auch einen ganz anderen. 😉
    Ja, wir sollten weiterhin reisen. Weil reisen bildet.
    Matthias

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