WABE Berlins Musikbuchmontag und mein Stöbern im Bücherregal

Die WABE Berlin hat seit kurzem den #Musikbuchmontag ins Leben gerufen. Ich finde das fantastisch! Danke Marc Lippuner für diese Idee… natürlich muss man da das eigene Bücherregal durchforsten… und stellt fest: Da stehen viele theoretische, musikhistorische Bücher, Biografien ect., all diese Bücher sind zwar wichtig und auch oft benutzt, aber es sind die anderen, die, die einen zum Nachdenken über das eigene Musikerleben bringen, die man empfehlen möchte… ich habe keine Ahnung, ob der Musikbuchmontag in diesem Sinne gemeint ist, aber es ist das, was mir zuerst einfiel.

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Die drei Bücher der Trilogie als Bücherturm am Rand der Terrasse. Fragen, die sich beim Lesen aufdrängen… Welchen Weg schlägt Aksel Vinding ein? Wird er einen Druchbruch als Pianist schaffen? Wie geht er mit dem Weg dahin um, wird er zu steinig oder geht er gar unter?

In einer Zeit, die für mich und mein Leben mit einigen Neuorientierungen und dem Setzen neuer Prioritäten verbunden war, fiel mir das erste Buch der Trilogie von Ketil Bjørnstad (Vindings Spiel – Der Fluß – Die Frau im Tal) in die Hände. Ich weiß noch, dass ich es in einer Bahnhofsbibliothek kaufte, kurz vor der Rückreise von einer Konzertreise. Ich war auf der Suche nach einer Reiselektüre und mir fiel „Vindings Spiel“ auf, es stand im Spiegel-Bestseller-Listen-Regal, ein Flügel war vorn drauf und ich dachte nur: „Was wird das wohl sein? Ein Buch in den Bestsellerlisten, bei dem es um´s Klavierspiel geht? Kommt nicht so oft vor, egal. 347 Seiten. Das ist erstmal perfekt für diese lange Bahnfahrt!“ (Mehrere Stunden lagen vor mir.) Tja… und in Dresden verpasste ich beinahe den ersten (für mich logistisch besser gelegenen) Bahnhof und wäre fast auf die andere Seite der Stadt zum Hauptbahnhof weitergefahren, so versunken war ich in dieses Buch. Es ist einfühlsam erzählt, man spürt den Hintergrund des Schriftstellers zu diesem Thema und seine Liebe zur Musik.

Es geht um einen 15jährigen Klavierspieler, dessen Leben nach dem Tod der Mutter, die ihm die Liebe zur Musik vermittelte, völlig durcheinander gerät. Die Familie zerbricht fast am Tod der Mutter, die Schule bricht er ab und er verschreibt sich mit sehr ehrgeizigen Zielen ganz dem Klavierspiel. Sehr ehrgeizig bedeutet da in erster Linie sportlich. Technische Höchstleistungen stehen im Vordergrund, er versinkt ganz im Milieu junger aufstrebender Pianisten und befindet sich im ständigen Wettbewerb mit anderen jungen Künstlern. Dass es nicht nur um technische Höchstleistungen gehen kann, wird ihm allmählich klar. Durch die Liebe zur sensiblen, aber unter ebensolchem Druck stehenden Anja Skoog und das Ringen um die Musik zwischen Technik und Inhalt bzw. ausgedrückten Menschlichkeiten erfährt sein Leben eine erste Wende… Ich kann hier nicht verraten, ob die Liebe auf einem guten Stern steht, sonst würde ich sehr viel vorwegnehmen. Überhaupt muss ich auf ein weiteres inhaltliches Eingehen verzichten, sonst würde ich zuviel verraten, folgen doch auf „Vindings Spiel“ (2006) noch zwei weitere Bücher der Trilogie, die ich auch verschlang, sobald sie erschienen (sie folgten 2009 und 2010)… Man folgt Aksel Vinding auf seinem Weg bis zum Durchbruch (wenn man das so nennen will, ich würde lieber sagen, bis zum dem Teil seines Weges, wo er sich sicher ist, in welche Richtung er weitergehen wird.)

Das Wachsen zu einem Pianisten abseits von Hochleistungssport und das Durchleben menschlicher Tragödien, die dieses „Erwachsenwerden“ voranbrachten bzw. erst möglich machten, ist die Geschichte dieser Trilogie, in der nicht alles glatt läuft. Liebe, Ehrgeiz, Unvorhersehbares, Zurückziehen ins Innerste, Verletzungen, Wiederaufstehen – all das „passiert“ ihm, dem Suchenden, dem Unsicheren. Kurz vor dem Comeback am Ende der Trilogie findet ein Interview mit einem Journalisten statt, daraus ein paar Sätze:

„Es gibt eine Zeit für Versöhnung… völlig im Augenblick sein zu können. Sich gut genug einzuschätzen, um die richtige Wahl zu treffen… Als ich endlich Mut fasste und mich wieder an den Flügel setzte und behutsam (Mozart) zu spielen versuchte, entdeckte ich, wieviel mir diese Musik bedeutet. Vielleicht, weil sie eigentlich so zurückhaltend ist, so wenig insistierend, so versöhnt mit dem Leben, mit der Freude, aber auch mit der Trauer und allem, was verloren ist. Wie hat es mein Freund ausgedrückt? <durch Tränen lächeln>… Für all das Schmerzliche einen Platz finden. Ich begriff auf einmal, dass ich wieder lachen konnte. Die Musik setzte etwas in mir in Gang, brachte mich Schritt für Schritt zu einem anderen Ort in meinem Leben. Zwölf Töne waren alles, was Mozart brauchte.“

„Du wolltest also wirklich Mozart spielen?“

„Ja. Die Muskelschmerzen veränderten meine Einstellung. Mir geht es nicht mehr darum, Heftigkeit und Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen, nicht mehr darum, mit Bravour die Technik zu meistern. Das wird später einmal kommen.“ 

„Dann spielst du jetzt um der Versöhnung willen?“

„Ja, man kann es so sagen.“

„Versöhnung womit? Mit all dem, was du verloren hast?“

„Nicht nur.“

„Sondern?“

„Die Versöhnung mit allem, was die ganze Zeit da war. Was ich aber nicht gesehen habe.“

Das Konzert findet statt, rings um ihn das Orchester. „Der Dirigent lässt die Musik strömen… Ich muss mich der Aufgabe würdig erweisen.“ Droht da ein Rückfall in alte Gewohnheiten?

Es geht weiter. Und noch einmal muss ich ein langes Zitat bemühen.

„Am nächsten Abend steige ich die Treppen vom Künstlerfoyer hinauf ohne den Ehrgeiz, der Beste zu sein und vor aller Welt Meisterschaft demonstrieren zu müssen. Ich betrete das Podium mit der tiefen Freude, die alle Musiker empfinden, wenn sie wissen, dass sie die Musik spielen werden, die sie lieben, die ihnen in diesem Moment am wichtigsten ist. Das eine schließt das andere nicht aus. Rachmaninow schließt nicht Mozart aus oder umgekehrt. Aber ich weiß, dass mich einige der Orchestermusiker für mutig halten, weil ich für dieses Konzert Mozart gewählt habe. Sie kennen die Hintergründe nicht. Sie verstehen auch nicht, warum ich nach dem Begrüßungsapplaus wie gebannt auf einen Punkt im Saal starre, wo R. sitzt, ohne Chr. und mit unsicherem Lächeln. Sie wissen nicht, warum ich stehenbleibe, warum ich vergesse, den Konzertmeister mit Handschlag zu begrüßen, wie es selbstverständlich alle Solisten machen. Sie verstehen nicht, warum ich ihr wie ein ausgelassener Junge zuwinke. Und sie verstehen nicht, warum sie ebenso ausgelassen zurückwinkt.

Sie halten uns sicher für kindisch.

Sie wissen nicht, dass es das Leben selbst ist, dem wir zuwinken.“

Natürlich ist es „nur“ ein Roman, überspitzt auf eine vielschichtige Geschichte zugetrieben, aber mit Nachdenkfaktor. Wir alle (egal ob ausführender Musiker oder konsumierender Musikhörer sollten uns öfter nach dem Umgang mit unserer „Fehlerkultur“ fragen. Natürlich ist es außer Frage, dass jeder nach einer möglichst vollkommenen Interpretation strebt. Nur: Was ist eine vollkommene Interpretation? Welchen Preis zahlen wir oder andere, wenn wir immer nur technischen Perfektionismus anbieten wollen bzw. verlangen? Müssen wir das überhaupt? Wer verlangt das von uns? Sind nicht viel mehr andere Dinge oftmals wichtiger? Was geschieht mit der individuellen Interpretation, wenn alle denselben Kriterien unterworfen werden? Wie und was möchte ich selbst als Musiker an andere weitergeben, was möchte ich nur für mich? Welchen Weg gehe ich? Was ist mir wichtig in diesem Musikerleben?

All diese Fragen stellte ich mir und stelle sie mir oft wieder, denn der Weg auf diesem Pfad ist nie zu Ende, deshalb mag ich diese Trilogie.

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