Begegnungen mit Kafka

Meine Berührungen mit dem Schaffen von Franz Kafka beliefen sich bis vor ein paar Wochen auf sehr wenige, jedoch ziemlich abschreckende Momente. Ich hatte für mich beschlossen: „Es gibt anderes für mich.“ Wie das kam? Es war im Wendejahr 1989, ich war in der 12. Klasse einer Dresdner EOS (Erweiterte Oberschule), als es von heute auf morgen hieß: „Die Lehrpläne der DDR werden außer Kraft gesetzt und bis es einen neuen gibt, liegen die zu behandelnden Inhalte in der Verantwortung der Lehrer.“ (Was soviel hieß, jeder legte los und es gab heute das, morgen das… ziemlich chaotische Wochen bis Weihnachten waren das). Unsere Deutschlehrerin nahm das zum Anlass, die seltsame und für mich sehr verstörende Geschichte „In der Strafkolonie“ in die Unruhe dieser Tage zu hieven. Wir lasen es, waren schockiert über die brutale Schilderung der Funktion dieser Hinrichtungsmaschine und versuchten einige Deutungsmöglichkeiten, während rings um uns das Chaos regierte. Die Geschichte rüttelte an unserem in diesen Tagen ohnehin sehr vielfältig strapazierten Nervenkostüm, das mehr auf den unruhigen Straßen und bei sich überschlagenden Nachrichten war als bei Kafka… und so war es eher ein abschreckendes Hinkommen zu Kafka in diesen Tagen. Die Lehrerin konnte uns leider nicht vermitteln, was sie uns damit sagen wollte, dass sie gerade diese Erzählung mitbrachte. Aus heutiger Sicht war es durchaus sinnvoll, aber damals konnten wir das überhaupt nicht erfassen. Ich wäre vielleicht auch nie wieder auf diese Erinnerungen gestoßen, wenn nicht…

Ja, wenn nicht vor einigen Wochen ein spannendes Projekt seinen Anfang irgendwie gefunden hätte. Wieder einmal dieses sonderbare Twitter: Man folgt Accounts von Leuten, die man nicht kennt, verfolgt interessante Dinge, vertieft sich fasziniert in die Welt anderer Leute und bleibt hängen. Vor nun doch schon einigen Jahren fand ich so den Account @theaterwelten von Michael Stacheder, damals war er gerade in Naumburg und berichtete über eine eigene Inszenierung, ich fand das sehr interessant und blieb. In den Theaterwelten, seinem Blog, schreibt er seit kurzem – so wie es die Zeit erlaubt und er dazu kommt – über seine Projekte (Theater, Literatur, Erinnerungskultur und vieles mehr). Irgendwann im letzten Jahr twitterte er, dass er zu einem Treffen mit den Kulturfritzen und den Herbergsmüttern nach Dresden fährt. Oh! Da ich schon einige Berichte über Lesungen von ihm gelesen und gehört habe (zum Beispiel hier) und ich das sehr spannend fand, frug ich einfach, ob er das Treffen nicht mit einer Lesung in Dresden verbinden könnte. Tja, und dann schlug er dieses „Heiligtum“ Kafka bzw. #franzundmilena vor und ich erst einmal die Hände über den Kopf! So nahm alles einen weiteren Anfang…

Eine Lesung aus den „Briefen an Milena“ war angedacht, Briefe an die Journalistin Milena Jesenská, die Kafkas Werke ins Tschechische übersetzte und zu der sich eine Art Liebe entwickelte. Liebe, die im wesentlichen in Briefen steckt (leider sind die Briefe Milenas nicht erhalten, aus den Antworten Kafkas kann man aber entnehmen, dass der Verlust sehr bedauerlich ist, bot sie ihm wohl ziemlich feurig Paroli, vielleicht war sie auch ein wenig genervt von den z.T. sehr selbstbezogenen Briefen.) Nur Kafkas Briefe sind erhalten, Briefe, die sich oft endlos im Kreis um sich selbst drehen, in denen man aber tief in die Seele dieses Menschen schaut, ein guter Einstieg in die Welt eines „Ewigansichzweiflenden“… doch lesen Sie sie selbst!

Die Dinge nahmen ihren Lauf: Michael Stacheder schickte mir Leseempfehlungen und machte mich sehr neugierig. Ich organisierte einen Ort für die Lesung und machte mich zu meiner eigenen Vorbereitung wieder einmal auf den Weg nach Prag. Schon oft war ich dort, aber noch nie ausschließlich auf den Spuren Kafkas. Es war leider ein sehr ungemütlicher Tag, ein Gewitterschauer jagte dem nächsten hinterher, die Prager Fallrohre spritzten aus allen undichten Nähten, man watete durch tiefe Pfützen, nach ein paar Stunden war man klitschnass… dennoch genoss ich es sehr, auf Franz Kafkas Spuren durch Prag zu gehen, nachzulesen auf Twitter oder Instagram unter #spurinPrag. Ich kam Kafka etwas näher, wenn auch wieder auf etwas ungemütliche Art und Weise. 😉

Wieder in Dresden und im Trockenen, las ich viel, hörte viel… natürlich taten sich mir dabei örtliche Zusammenhänge auf, nicht nur in der Stadt Prag (viele Wohnorte Kafkas sah ich, ließ mich durch die Straßen treiben, die er gegangen sein könnte). Kafka war auch mehrfach in Dresden. Unter anderem oben im Luftkurort auf dem Weißen Hirsch im Lahmann-Sanatorium bei Dr. Lahmann. (Dabei kurios am Rande erwähnt: Angeblich soll er von dort ein Guglhupf-Rezept bekommen haben, das die Erzieherin Anna Pouzarová ihm oft nachbacken musste. Sie erzählt davon im Buch „Als Kafka mir entgegenkam…“, ein paar Einblicke in meine Backstube kann man unter #franzundmilenakulinarisch nachlesen. Es war mir eine willkommene Auflockerung.)

Milena Jesenská, die im Widerstand Prager Juden bei der Flucht half, war nach ihrer Verhaftung in Prag durch die Nationalsozialisten in Dresden im Gefängnis. Bei einer Verhandlung am Volksgerichtshof Dresden wurde sie zwar freigesprochen, doch die Nazis fanden auch nach einem Freispruch durch ein öffentliches Gericht Wege, sie in Schutzhaft zu nehmen und nach Ravensbrück zu deportieren, wo sie infolge einer Nierenerkrankung starb. Die Biografie „Ein lebendiges Feuer“ von Alois Prinz ist sehr empfehlenswert!

Michaels Lesung nahm Gestalt an, wir schrieben einige Male hin und her, er suchte „seinen“ Kafka, schließlich telefonierten wir, Michael erzählte. So viel und so interessant, dass ich dachte: „das alles passt nie in eine Lesung“. Ich selbst versuchte, mich Kafka auf möglichst vielen Ebenen zu nähern… las viel, hörte viel und versuchte, irgendwie den Menschen hinter diesen langen Sätzen zu erkennen.  Mit dem Duo Leggieramente wollten wir ihn begleiten, wir sind wir immerzu auf der Suche nach poetisch-musikalischen oder auch literarisch-musikalischen Programmen, leider hatten wir in letzter Zeit zu wenig Zeit dafür. Aber es ist für uns beide (Susanne Krumpfer und mich) „verstehendes Vergnügen“, Texte, Personen, Musik und Orte in diesen Programmen zusammenzubringen und so tiefer in die jeweilige Zeit einzudringen. Diese Lesung war für uns Gelegenheit, Kafka ein paar musikalische Untermalungen geben, wir stellten einige musikalische Zitate und frei begleitende Musik den Worten an die Seite. Das war nicht einfach, stellte sich doch Kafka als „völlig unmusikalisch“ hin (obwohl er zweite Geige in einem Streichquartett spielte… Hm. Was wird er da wohl gespielt haben?) Herausgekommen ist etwas, was man „dem Zuhörer einen gedanklichen Freiraum schaffen“ nennen könnte. Wir hielten uns ganz im Hintergrund, neben hohen Flötentönen auch tiefe Töne mit der Bassflöte, die die Harfe in ganz anderen Farben hindurchließen; zweifelnde, schwankende, knallharte, aufgewühlte, fließende…

IMG_6912 - beschnitten
Von draußen vor dem Saal begleiteten, untermalten und verstärkten unsere Töne die Lesung.  Das Foto wurde uns freundlicherweise von Matthias Rudolph zur Verfügung gestellt.

Der Tag der Lesung rückte näher, organisatorische Einzelheiten waren geklärt und vorbereitet, viele Einladungen verschickt, Plakate und Handzettel verteilt… Zuerst eine Lesung in einem Gymnasium. Die Schüler der Sekundarstufe II hörten interessiert zu und hatten einige Fragen. Diese reichten von „Wie bitte, kann man in vier Monaten derart viele Briefe schreiben und sich so oft im Kreis drehen?“ „Wie funktionierte die Post damals?“ „Wo sind die Briefe Milenas, es wäre doch sehr interessant, die Antworten zu erfahren?“ „Liebten die beiden sich wirklich, wie oft haben sie sich gesehen?“ bis zu „Kann man so einen Briefwechsel Liebe nennen?“… Eigentlich wäre es eine sehr interessante Aufgabe, einen Antwortbrief Milenas zu schreiben, sich zu fragen: Was könnte sie geschrieben haben? Fragen über Fragen bleiben nun. Wie immer bei Kafka?

Blog

Mit dieser Begegnung bin ich dem allzuoft sehr verklärt behandelten Kafka näher gekommen, sicher nicht zum letzten Mal, ein Rätsel ist er mir diesmal wieder und sicher auch anderen… er hatte es ganz bestimmt nicht leicht mit sich. Warum sollen wir es leicht mit ihm haben? Faszinierend ist er, bleiben wir dran… auch wenn es erst einmal wieder „anderes“ für mich gibt. 😉

Danke, Michael Stacheder, dass du auf diese Weise einen „Kafka-Anstoß“ gabst, eine neue Seite für uns bei ihm aufgeschlagen hast! Es war mir (uns) eine Freude, diese Lesung begleiten zu dürfen.

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