Milenas Spur in Dresden

Gestern stand ich an einem Ort vor einem Denkmal, an dem ich zuletzt als Schülerin einer Polytechnischen Oberschule systemverordnet stand, das ich damals möglichst liniengetreu interpretieren musste. Lange stand ich vor und hinter der Figurengruppe, spürte den damaligen, nur noch schemenhaft vorhandenen Eindrücken nach und ließ mich auf das „Jetzt“ ein. Stand inmitten von Menschen (leider nur den bronzenen, denn ich war zu dieser Zeit die einzige Besucherin). Menschen, die im Angesicht des Todes nur noch Menschen waren, das nahe Ende vor Augen.

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Figurengruppe von Arnd Wittig im Hof. Gegenüber stand früher die Guillotine.
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Menschen im Angesicht des nahen Todes. Früher als Schüler der DDR-Schulen sollten wir ziemlich viel hineininterpretieren und lange Aufsätze darüber schreiben. Die Geschichte um diesen Ort wurde uns kaum vermittelt und wenn, dann sehr einseitig.

Ich stand an einem Ort dunkelster deutscher Geschichte. Seit 1907 wurde der Gebäudekomplex als Gericht, Untersuchungshaftanstalt und Hinrichtungsstätte genutzt. Mit der Machtübernahme durch die Nazis 1933 wurden wesentliche Grundsätze des demokratischen Rechtsstaates außer Kraft gesetzt. Personen wurden aufgrund ihrer „rassischen“ Zugehörigkeit unter ein Ausnahmerecht gestellt und auch gegen „Volksgenossen“ gab es eine wachsende Zahl neuer Strafbestimmungen (es reichte schon, wenn man mit französischen Kriegsgefangenen redete oder sie gar zum Kaffee einlud). Fast jeder dritte Angeklagte während der nationalsozialistischen Herrschaft war tschechischer Nationalität. Es wurden Widerstandshandlungen geahndet, die Strafen zielten vor allem auf Abschreckung, nach dem Attentat auf den deutschen Reichsprotektor Reinhard Heydrich 1942 wurde die Todesstrafe von der Ausnahme zur Regel.

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Ein Strafbefehl an Walter Haferkorn, einen Meißner Bauarbeiter, der sich wohl ein wenig zu intensiv mit französischen Kriegsgefangenen unterhielt und sie gar zu Kaffee und Quarkkeulchen zu sich nach Hause einlud.

Viele der ausgestellten Schicksale sind mit Dokumenten und Zeitzeugenaussagen (z.T. nachhörbar) aufbereitet. Erzählt wird nicht nur von Personen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, auch in der nachfolgenden Zeit geschah viel Unrecht. Ab 1947 wurde die kommunistische Diktatur in Ostdeutschland errichtet, die sowjetische Besatzungsmacht sorgte für Recht und Ordnung. „Tausende angebliche und tatsächliche Gegner der neuen Ordnung erhielten wegen ´antisowjetischer Tätigkeit´ oder ´Spionage´ harte Strafen. Bei den Verfahren in russischer Sprache standen den Angeklagten weder Verteidiger noch entlastende Beweismittel zur Verfügung.“  „Mit Gründung der DDR ging die politische Strafverfolgung von der Besatzungsmacht weitgehend auf die ostdeutsche Justiz über. Die Ermittlungen übernahm das Ministerium für Staatssicherheit. Wieder standen am Münchner Platz Gegner einer Diktatur vor Gericht. Einige waren schon unter den Nationalsozialisten verfolgt worden.“ (Zitate aus den Texten der Tafeln in der Ausstellung)

Wie wichtig der Besuch einer solchen Gedenkstätte gerade in diesen Tagen „sorglosen Protestwählens“ ist, zeigte mir vor allem dieses Dokument.

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Fast jeden Montag kann man in Dresden „das Volk“ ähnliche Vokabeln rufen hören… doch das nur ganz am Rande. Ich schreibe diesen Blogartikel auch, um Orte, Personen und Geschehnisse wieder ins Bewusstsein der Leute zu bringen, denn wie gesagt, ich war zu der Zeit, wo ich die Ausstellung ansah, die einzige Besucherin…

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Im Eingangsbereich der Ausstellung.

Warum ich eigentlich an diesen Ort kam, war eine ganz andere Sache. Seit ich über die erneute Begegnung mit Franz Kafka auf Milena Jesenská stieß, geht mir diese mutige Frau nicht mehr aus dem Kopf. Unbedingt wollte ich die Spur verfolgen, die von ihr in Dresden existiert. In glücklicheren Tagen war sie zu Besuch in Friedewald bei Dresden bei ihrer Schulfreundin Alice Rühle-Gerstel, zu sehen in der Ausstellung auf einer herausziehbaren Tafel.

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Das kleine Foto auf der Tafel in der Ausstellung ist ein Gestapo-Bild. Auch sie fiel im Protektorat Böhmen-Mähren den Nazis auf, einerseits  durch ihre jounalistische Tätigkeit, andererseits, weil sie jüdischen Mitbürgern half, außer Landes zu kommen. Sie stand 1940 in Dresden vor Gericht, wurde im Verfahren aber mangels Beweisen freigesprochen. Die Prager Gestapo brachte sie zurück nach Prag, wo sie ihren Vater und ihre Tochter zum letzten Mal sah. Im Herbst 1940 wurde sie als „Schutzhäftling“ ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überführt, wo sie 48-jährig am 17. Mai 1944 an einer Nierenentzündung verstarb.

„Im Konzentrationslager gab es eine große Gruppe tschechischer Frauen, von der Milena aufgenommen wurde. Die Frauen rückten bald wieder von ihr ab, als sie merkten, dass Milena ihre politischen Ansichten nicht teilte. Sie glaubte nicht daran, dass alles gut werden würde, wenn die russischen Truppen die Armeen Hitlers besiegten. Der sowjetische Diktator Stalin war für sie nicht besser als der Nazi Hitler. Noch unbeliebter machte sich Milena, als sie Kontakt zu einer Deutschen aufnehmen wollte, die in russischen Lagern gewesen war…. Margarete Buber war augenblicklich fasziniert von ´Milena aus Prag´, wie diese sich vorstellte, von ihrer Neugier, ihrem eigenständigen Denken, ihren klugen Fragen und vor allem von ihrer außergewöhlichen Lebenskraft.“ Im Konzentrationslager Ravensbrück hatte Milena „ein Foto von Prag gehängt, daneben einen Kalender, auf dem ein weit geöffnetes Fenster zu sehen war, das auf eine Berglandschaft hinausging. Als sie in Wien lebte, hatte sie einen Artikel über Fenster verfasst. Fenster bedeuteten für sie etwas Besonderes. Nicht Türen, sondern Fenster seien das Tor zur Freiheit, hatte sie damals geschrieben. Vor dem Fenster beginne die Welt. Denn im Fenster, so meinte sie, liegt alle Hoffnung auf Licht, auf den Sonnenaufgang, auf den Horizont; im Fenster liegen Sehnsüchte und Wünsche.“ … „Milena war eine Suchende, aber mehr noch eine Liebende. Franz Kafka, mit dem sie eine kurze Liebesgeschichte verband und der sie ein lebendiges Feuer genannt hatte, suchte menschliche Nähe in Briefen. Ihr aber, die Kafkas Angst vor Menschen verstehen konnte, ging nichts über die reale Gegenwart. Wäre sie bei Kafka geblieben, hätte sie nie den Weg gehen können… ein Tag Leben war für sie wichtiger und wertvoller als noch so viele Briefe oder Bücher. Diese Überzeugung hat sie in ihren Artikeln oft bekenntnishaft ausgedrückt… Ich liebe das Leben, in all seinen Erscheinungen, in all seinen Formen, in der Alltäglichkeit wie in der Feierlichkeit, an der Oberfläche wie in der Tiefe.“ (Zitate aus der Jesenská-Biografie von Alois Prinz „Ein lebendiges Feuer“)

Nachdenklich verließ ich diesen Ort, fuhr quer durch die Stadt nach Hause, schaute in die Gesichter in der Straßenbahn und dachte wieder: „Jeder Vierte!“ (Sachsens Wahlergebnis bei der Bundestagswahl: 27% für die AfD, die für eine rassistische, fremdenfeindliche Politik steht und ansonsten keinen wirklichen Plan für die hiesigen Probleme der Menschen hat.)

Gehen wir hin zu den Orten, die (noch!?) von dem Unrecht erzählen, das einst geschah und lernen wir daraus für heute! Erzählen wir davon, immer wieder. Jeder kann etwas tun, dass es nicht wieder zur Errichtung von Diktaturen kommt.

 

2 Gedanken zu “Milenas Spur in Dresden

  1. Endlich habe ich deinen Artikel gelesen,liebe Susanne!! Sehr klug geschrieben und superwichtig in einer Zeit,in der einfach durch Gedankenlosigkeit so vieles den Bach runtergeht…

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