#KultBlick – Wie blicke ich auf Kultur?

Das Archäologische Museum Hamburg und Tanja Praske haben zu einer Blogparade aufgerufen: #KultBlick (Laufzeit: 20. September bis 22. Oktober 2017) Ist ja klar, dass ich mich gern beteilige und schon liefen die Gedanken los… Als ich den Hashtag das erste Mal las, dachte ich: „Kult… Blick… hm, was wird das schon wieder sein?“ Dass es um Kultur ging, dachte ich mir und das las ich auch recht bald heraus… jedoch, einmal gedacht, blieb Kult hängen, ist es doch auch das, was mich oft am meisten stört: dass um Kultur so viel Kult gemacht wird. Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich finde diese Blogparade wunderbar. Nachdenken über den Kulturbegriff, das eigene Verständnis und den Umgang damit kann man nicht oft genug und Kult machen die Initiatoren wahrlich keinen daraus. Da meine ich eher andere… „Kultur“ wird manchmal so sehr als Heiligtum verklärt, zu einem „Kult“ mit bestimmten Riten gemacht, wenn man das so sagen darf, dass es nur noch wenige verstehen, es bei einigen in Ablehnung umschlägt und manchem vor Ehrfurcht die Neugier darauf vergeht. Was also ist mir verloren gegangen?

Schon für die erste Frage muss ich ein wenig ausholen…

  • Wie erfährst, siehst und bewertest Du Kultur?

In Sachsen aufgewachsen, studiert in Dresden, probegespielt in Leipzig und nun bin ich in Mitteldeutschland (also den drei mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) als (Nicht-ausschließlich-Orchester)Musikerin unterwegs, in drei Bundesländern, die alle überaus reich mit kulturellem Erbe ausgestattet sind. Man kann noch immer manch unentdeckte Schätze ausheben, sei es in Bibliotheken, Schlössern oder auf Dachböden, es gibt archäologisches Potenzial. Noch längst ist nicht jeder Zusammenhang erschlossen, viel Spannendes liegt sozusagen noch auf der Straße.

Nur wollen manche gar nicht weiter eindringen, wollen das Ausgegrabene so bewahren, wie es seit langer Zeit bekannt ist, wollen es „heilig sprechen“ und mit Kult ehren. Es ist ja so bequem, sich zurückzulehnen und ohnehin oft gespielte Musik wieder und wieder möglichst gleich interpretiert zu hören oder in einem Park zu spazieren, der jahrhundertealte Bäume beherbergt ohne zu fragen, woher sie kommen (wehe, es stürzt einer um, Katastrophe!) oder Bilder, Juwelen, Porzellan, Rüstungen ect. wieder und wieder anzuschauen, die sehr gut gesichert nun wieder in teuer restaurierten Schlössern hängen und das „( meist Barock)Erbe“ verklären helfen… Oft werden die Hintergründe bewusst verdrängt, wie all diese Sachen nach Mitteldeutschland kamen. Es wird verdrängt, wie viel weiter dieses Netz eigentlich war und ist. Ich erlebe oft Menschen, die sich all das gern anschauen und anhören, aber nie tiefer eindringen in die Entstehungszeit dieser Dinge, die einfach nur konsumierend genießen (das ist ja nicht falsch, aber es bleibt dann eben denkmalsmäßig stehen und manch seltsame Weltbilder entstehen dadurch). Auf der anderen Seite erlebe ich auch oft Menschen, die es sich nicht leisten können oder wollen, diese Dinge anzuschauen/anzuhören, keine geschichtlichen Details dazu kennen/nachfragen, allzu oft kulturellen Gütern ablehnend gegenüberstehen, weil sie dem Ganzen nicht folgen können oder wollen, denken, das passt nicht ins eigene Weltbild und ist damit überflüssig. Das finde ich sehr schade, denn Kultur steht vor jeder Haustür, man muss nur Augen und Ohren öffnen und Zusammenhänge herstellen. Das kostet oft kein Geld, nur ein wenig Mühe. Aber wieviel ist da doch zu entdecken! Und wieviel können wir aus dem Damals für Heute lernen…

  • Was hast Du vergessen, das dir beim Kulturgenuss plötzlich in den Sinn kommt? Hast Du Kindheitserinnerungen oder besondere Situationen, an die Du plötzlich denken musst, während Du dich auf Kultur einlässt.

Durch die oben beschriebene „Verklärung der Heiligtümer“ ist mir selbst fast die Neugier abhanden gekommen. Ich muss mich regelrecht wehren, in Monotonie zu verfallen, die sich unweigerlich einstellt, wenn man Dinge immer wieder gleich betrachten/ausführen soll. Um ein Beispiel zu nennen: In Sachsen wird zur Weihnachtszeit das Bachsche Weihnachtsoratorium in fast jeder Dorfkirche gespielt. Grandiose Musik, aber bald totgetreten, denn jeder (!) geht mit vorgefestigten Erwartungen in diese Konzerte. Von Kindheitsbeinen an bin ich an mindestens einer Aufführung pro Jahr beteiligt (erst als Chorsängerin, nun als Musikerin oder beidem) und ich mag dieses Stück sehr (spiele aber nach Möglichkeit nicht mehr als ein oder zwei verschiedene Aufführungen pro Jahr). Es ist schwer, immer wieder Neues darin zu entdecken und doch gelingt es mir in jedem Jahr. Gerade die Familie Bach bietet nahezu unerschöpfliches Ausgrabungsgebiet oder zumindest „Wiederauffrischungsgebiet“. Aus Pressburg bzw. Bratislava kam ein Bäcker (Veit Bach) und aus seinen Nachkommen wurde eine riesige, weit verzweigte Familie, die in sehr, sehr vielen Orten Mitteldeutschlands ihre Spuren hinterließ und deren Sprösslinge in ganz Europa ausschwärmten. Das ist nur ein Beispiel, da gibt es viel mehr zu entdecken, man könnte unzählig weiter aufzählen, aber das sprengt hier den Rahmen…

Sehr interessant ist es, das Publikum bei diesen Konzerten zu beobachten, die meisten kommen, „weil es dazugehört“, wenn „man“ nicht da war, fehlt ein Ritual. Wenn ich frage, was es denn Neues zu erhören gab, kommt oft: „Nichts, es war so wie immer und das ist sehr gut so.“ Dagegen ist gar nichts einzuwenden, es tut mir nur weh, dass so viele nur noch dieses eine Oratorium hören wollen. Sobald andere Musik gespielt wird, sind die Kirchen und Konzertsäle leer. Ist da manches zu „verklärt“? Sind die Menschen müde oder faul? Wie geht es weiter? Steht alles still?

  • Gibt es dabei Aha-Erlebnisse, Geistesblitze oder besondere Erkenntnisse für dich?
  • Was empfindest Du, wenn Du dich auf Kultur und Kunst einlässt? Was ist dir dabei wichtig?

Aha-Erlebnisse gibt es immer wieder, vor allem, wenn man versucht, sich in die jeweilige Zeit hineinzudenken, Orte zu erkunden und zu verbinden, Personen näher zu beleuchten, Familienzusammenhängen nachzugehen, das Menschliche hinter dem Werk aufspüren (gerade bei der Bachfamilie kann man so viel entdecken!)… Es blitzt eigentlich ständig… Ich versuche dieses „Tiefereindringen“ so gut wie es geht bei allem, auch wenn die zur Verfügung stehende Zeit immer ein regulierender Faktor ist. Man kann nicht sofort jede Kleinigkeit erkunden, aber jedes mal ein bisschen mehr. Verständnis für die jeweilige Zeit zu entwickeln, das ist wohl das Wichtigste dabei. Eigentlich ist Kultur für mich wie ein riesiges Puzzle, immer wieder findet man ein Teil und ist glücklich, wenn sich zusammenhängende, größere Stücken ergeben, auf denen man weiter aufbauen kann.

  • Gab es jemanden, der deine Neugierde für Kulturelles geweckt hat? Und wie informierst Du dich über Neuigkeiten?

Die Neugierde für Kulturelles haben natürlich zuerst meine Eltern und Großeltern geweckt. Schon seit ich denken kann, bekam ich Heiligtümer vorgesetzt… 😉 Naja, ich kann nicht abstreiten, dass eine Verherrlichung mancher Dinge mir damals schon auf die Nerven ging und ich nicht einsah, warum ich nun zum tausendsten Mal dieses oder jenes hören oder ansehen sollte, ohne etwas Neues zu entdecken (denn sind wir doch mal ehrlich, so betrachtet man vieles: ehrfürchtig.) Aber recht bald hinterfragte ich vieles: warum, wieso, weshalb… angefangen in den Schuljahren in der DDR (nur hielt man da vieles zurück, versuchte lieber zu Hause in der Familie den Sachen auf den Grund zu kommen als anzuecken oder aufzufallen), im Studium nach der Wende (wo allerdings erst recht vieles geradezu „heilig“ gesprochen wurde, manches totgeschwiegen und alles bloß nicht allzu tief beleuchtet werden sollte, zu viele Dinge der näheren Vergangenheit hätten zutage kommen können) und nun im Berufsleben, wo sich mehr und mehr Zeit und auch Freiheit ergibt und ich sie mir bewusst nehme, merke ich doch immer mehr, wie vieles ich noch nicht weiß oder durchdacht habe. Dieses immer wieder neu Hinterfragen und auch Weitergeben ist doch eigentlich das Wichtigste im Leben aller, nicht nur einer, die in und von der Kultur lebt.

Wie informiere ich mich? So oft es möglich ist, gehe ich „vor Ort ans Geschehen“ (auch wenn´s schon längst Geschichte ist) und strecke alle Sinne aus. Das ist immer noch die unmittelbarste und liebste Erfahrung, sich etwas oder jemandem unvoreingenommen zu nähern. Bücher und sonstiges Niedergeschriebenes, egal ob auf Papier oder im Internet, sind dabei „Wegbereiter“. Bilder, Tweets und YouTube-Clips sind willkommene Bereicherung und „Nischenöffner“, sieht doch jeder Postende etwas anderes. Twitter und Instagram sind mir dabei immer noch die liebsten Türöffner, treffe ich doch dort Leute, die ich sonst niemals treffen würde. Ich genieße es sehr, dass gefühlt „alle Welt“ etwas ins Internet stellt, das schafft Teilhabe für all jene, die das wollen, aber vielleicht nicht immer können. Wenn ich dann meinen Senf auch noch dazuschreibe, möchte ich „bereichern“, teilen und nicht „klugscheißern“, wie von manchen immer noch mal so ganz schnell unterstellt wird.

Eine Begegnung erzähle ich hier mal ganz am Rande: Ich saß einst im Bummelzug und las einen interessanten Artikel im Kulturteil einer überregionalen Zeitung, nicht online, sondern so, dass ich mit weit ausgebreiteten Armen die Zeitung hielt und die Worte „Kultur“ oben weit sichtbar prangten. Alsbald tönte es zu mir von einer anderen Sitzbank: „Schau mal, da vorn sitzt so´n Klugscheißerchen, die frisst gerade wieder die Weisheit mit Löffeln.“ Ich drehte mich um und sah in betrunkene Gesichter, sah die Bierflaschen in den Händen. Angst machte sich breit und Traurigkeit über die Tristesse dieser Leute mit der großen Fr… na, lassen wir´s lieber kulturvoll 😉 … nicht zuletzt deshalb sitze ich oft „nur“ auf dem Handy lesend im Zug (machen ja alle, nur sehr selten ergeben sich tolle Gespräche). Was ich da lese, sieht in dem Moment niemand, aber was ich da teile, like, kommentiere verbindet mich mit der ganzen Welt, zumindest mit jener Welt, die das mit mir teilen will und der Rest der Welt stößt vielleicht zufällig irgendwann darauf und findet´s gut oder schlecht. Wenn eine Diskussion zustande kommt, ist das toll. Ich möchte nicht bekehren, bevormunden, belehren oder sonst etwas, ich möchte in die Kultur eintauchen und verstehen, mit allen Sinnen, erst einmal für mich, vielleicht auch für andere. Schön ist es, wenn Austausch mit anderen zustande kommt. Viele von jenen, die das von mir Geschriebene lesen, liken oder teilen, habe ich inzwischen leibhaftig getroffen, viele schöne Begegnungen waren das. Die anderen „Abgehängten“ tun mir echt leid und ich weiß mittlerweile nicht, wie man diese Leute wieder oder überhaupt abholen kann. Zuviel ist da verpasst worden, zuviel hat sich dazwischen gesetzt und zuviel Desinteresse und oft Hass und Neid liegt darüber. Wir alle können nur immer wieder davon erzählen und hoffen, dass sie neugierig werden. Man kann niemanden zu Neugier verdonnern.

  • Welche Kulturerlebnisse sind dir warum die liebsten? Hast Du besondere Favoriten?

Ich bin offen für alles. Am liebsten bin ich dort, wo mir am Schluss etwas „Unaufgelöstes“ bleibt, worüber ich noch lange nachdenken kann, wo Fragen offen bleiben, was meine Neugier anstachelt, den Dingen mehr auf den Grund zu gehen. Ich mag es, wenn jemand unvoreingenommen herangeht, etwas losgelöst von den bisher etablierten Auffassungen betrachtet. Allerdings bin ich auch enttäuscht, wenn ich merke, dass jemand eine oberflächliche Auffassung „über alles darüberbügelt“ ohne auf Details wie Zeit, Ort und Mensch einzugehen. Wenn aber dieser schmale, kritische, kulturvolle Gratweg gefunden ist, reisst mich wahre Begeisterung mit.

  • Fehlt dir etwas? Gibt es einen Wunsch, den Du schon immer bei Kulturinstitutionen äußern wolltest?
  • Was können Kulturinstitutionen für dich tun, damit Du gerne zu ihnen kommst?

Da ich mich am wohlsten fühle, wenn ich hineingezogen werde, kann ich nur (wie schon oft) sagen: Nehmen wir alle mit in den Kulturwald! (In meinem Beitrag zu Tanja Praskes Blogparade #KultDef schrieb ich: Kultur ist ein großer Wald mit vielen Wegen, die wir alle auf unterschiedliche Art und Weise beschreiten.) Dass dieser Wald sich ständig verändert, ist klar. Wir alle, Ausübende, Publikum und allen voran die Kulturinstitutionen müssen uns ständig neu orientieren, auf unsere Bedürfnisse hören, Geschichten bewahren und weitergeben, Neues hervorbringen und die Vielfalt des kulturellen Erbes möglichst unter alles Volk bringen. Auch dazu schrieb ich schon, z. Bsp. hier zur Blogparade #TheaterimNetz der @Kulturfritzen oder hier zu #KulturimWandel von @Axel Kopp. All das, was ich mir wünsche, ist immer wieder schwer zu verwirklichen, manche Institution hat noch gar nicht angefangen, manch eine hat es schon wieder aufgegeben, der digitale Wandel fordert viel von uns allen…

Dabei ist es so einfach. 😉

Machen wir´s einfach und erzählen von dem, was uns wichtig ist, was wir erleben, wie wir es erleben und was es mit uns anrichtet, egal wo, ganz ohne Kult, aber mit Kultur und Lust und Liebe… So blicke ich am liebsten auf Kultur, alte Wege nutzend, neue Wege suchend, immer wieder von Neuem Neues entdeckend… auf geht´s!

 

6 Gedanken zu “#KultBlick – Wie blicke ich auf Kultur?

  1. Ach, liebe Susanne,

    so wunderbare und ernste Gedanken. Ich finde es gut, dass du von dem Kult um Kultur sprichst. Das hatten wir heute auch auf der Tagung #MucMus17 zur Digitalisierung von Museen, irgendwann fiel dann doch der Begriff der „Deutungshoheit“ der Kustoden, die durch das Digitale in Gefahr geraten – „leicht“ verkannt, trifft aber deinen Punkt.

    Schon traurig-witzig zu lesen, wenn du, da Feuilleton lesend, als Klugscheißerchen beschimpft wirst. Anonymer ist es da wohl ins Smartphone während der Zugfahrt zu blicken, wie gefühlt 99% der Mitreisenden. Da weiß keiner, ob du dich austauschst, Hochtrabendes oder Plattes liest oder einfach nur gamest.

    Merci für den tiefsinnigen Beitrag! Freut mich sehr, dass du tatsächlich einige Fragen beantwortest, die wir stellten. Waren Vorschläge, deine Antworten bieten da Denkstoff für Kulturhäuser!

    Herzlich,
    Tanja

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, liebe Tanja… stürmische Zeiten für die Kultur kommen da wohl auf uns zu, hier in Sachsen spürt man das täglich. Das kann reizvoll und spannend sein, aber auch nervenaufreibend. Hauptsache, wir verkriechen uns nicht in der Blase, sondern gehen hinaus und machen auf manch Verschüttetes aufmerksam. Ich las #MucMus17 heute ein wenig mit… wie viel ist doch mancherorten zu tun!

      Herzliche Grüße,
      Susanne

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  2. Liebe Susanne,
    herzlichen Dank für diesen großartigen Artikel! Wir sind überwältigt von der Bandbreite der #Kultblick Beiträge! Wunderbar, dass Du Dich gegen die Monotonie, welche doch häufig einsetzt, wehrst und Dich für eine unreflektierte Sicht auf Kultur aussprichst.
    Wir hoffen durch solche digitale Aktionen, wie die Blogparade mit Tanja Praske, die Neugierde auf Kultur ins Netz zu streuen und Lust auf mehr zu machen 😉
    Viele Grüße aus dem Archäologischen Museum Hamburg,
    Katrin

    Gefällt 1 Person

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