Armer, alter Mann

Montag, Bahnhof Dresden-Neustadt … der Zug, ein ICE, kommt, pünktlich, die wenigen, am Bahnsteig wartenden Reisenden steigen ein… der Zug ist nicht voll. Mittagszeit. Anfang der Strecke. Dresden. Richtung Leipzig… Komfortabel lasse ich mich auf einem der vielen leeren Plätze nieder, packe Kopfhörer, Handy und Buch aus, der Kaffeebecher wird rutschfest auf dem Tischchen des freien Sitzes neben mir platziert. Draußen fliegt schönes Herbstwetter vorbei, bunte Blätter von Obstbäumen, Häufchenwolken lassen viel Sonne hindurch… besser könnte es nicht sein… Zugzeit. Meinzeit. Ich genieße das…

In Musik und Buch vertieft, bemerke ich nach einer Weile den alten, etwas ungepflegt wirkenden Mann auf der Bank direkt über den Gang. Er schaut aus dem Fenster und brabbelt ein wenig vor sich hin. Ich denke: „Hm, der Mann ist bestimmt bei den Kindern in Dresden gewesen und nun am Montagmittag auf der Rückreise. Er wird sicher viel allein sein, sonst würde er nicht einfach so vor sich hinbrabbeln. Armer Mann.“ Ich verstehe nicht, was er sagt… aber er scheint auch nicht interessiert, dass ihn jemand versteht… einige Male schauen andere Mitreisende plötzlich erschreckt in seine Richtung… ich verstehe nichts mit Kopfhörern auf den Ohren… und so ging es Richtung Leipzig.

Als der Schaffner kam, erkundigte sich der Mann ganz genau nach dem Gleis, zu dem alle Weiterreisenden in Leipzig in einen anderen Zug umsteigen mussten (es gab da wieder einmal ein paar verschiedene Angaben, seufz, Deutsche Bahn…). Ich dachte wieder: „Armer Mann, er hat´s schwer, muss auch noch umsteigen! Ich werde dann mal mit schauen, dass er‘s auch schafft mit seinen vielen Taschen.“… (Schon oft half ich einigen älteren Menschen beim Umsteigen, das ist doch eigentlich selbstverständlich!)

Wir nähern uns Leipzig. Alle rüsten sich zum Ausstieg. Der alte Mann steht auch auf und mit einem Mal, völlig unvermittelt, bricht es aus ihm heraus. Eine umfangreiche Schimpfkanonade… innerhalb kürzester Zeit hat er das gesamte Pöbelprogramm des kleinen selbsternannten Pöbel-Volks durch… „alles Verbrecher, totale Überwachung, Schikane, Lügenpresse, Staatsfunk und diese mitteldeutsche Stasifunkanstalt… alles linke, grüne Idioten…“ und noch viel schlimmere Dinge kamen da aus dem Mundwerk gepurzelt in ungepflegter Sprache und in fortwährender Wiederholung. Einige Mitreisende begannen die Köpfe zu drehen und zu lauschen… er schimpfte weiter.

Ich stand hinter ihm, hörte und staunte, dachte: „Sieh an, ein Pöbler im ICE! Von wegen armer Mann! Ungepflegt und ungehörig…“

Ich frage ihn: „Kennen Sie denn jemand der Sendeanstalt? Wissen Sie denn, dass alles von oben gesteuert wird?“

„Nöö, das nich… ich will och gar nüscht mit denen zu duun ham! Wissen doch eh alle, wie das bei denen läuft! Und nun ist´s ja raus seit der Wahl: ALLE in Sachsen sind meiner Meinung, fragen Se doch mal rum.“

Das GANZE Abteil antwortete empört: „Eben nicht! Erzählen Sie hier nicht so einen Quatsch, schon gar nicht heute!“

Ich sage: „Zufällig bin ich bei der Anstalt, die Sie gerade anprangerten angestellt, spiele dort im Orchester. Kommen Sie doch mal vorbei, wir spielen auch für Leute wie Sie.“

Er: „Neee… ich hör bloß noch Klassikradio, also das Echte, nichts von der Anstalt! Ich bin außerdem in Erfurt, da kommt ihr ja sowieso ni hin!“

Ich: „Doch, wir spielen öfter im Theater Erfurt. Letztens spielten wir erst ein Benefizkonzert für die Erfurter Lebenshilfe. Kommen Sie doch mal vorbei. Geben Sie mir ihren Namen, ich spendier Ihnen eine Karte, wenn Sie vernünftig mit mir reden.“

Er: „Nee, nee… die Masche kenn ich, das sind alles linke, grünversiffte Maschen von so Gesocks, da ist doch och die Stasi vor Ort, ihr dreht dann alles im Mund rum! Überall Mikrofone, die alles aufzeichnen… Nee, nich mit mir!“

…und dann schimpfte er schon den nächsten Mitreisenden voll, der ihm lautstark versuchte klarzumachen, dass er 1989 genau an diesem Tag nicht in Leipzig auf der Straße war, um sich heute den friedlichen Erfolg dieser Revolution von Leuten wie ihm vermasseln zu lassen.

…mehrere Reisende mischten sich noch ein. Der arme, alte Mann jedoch verfiel wieder in seinen Schimpfmonolog… er war nicht mehr erreichbar… ob er seinen Zug geschafft hat, weiß ich nicht… ein Mann sprach mich an, es stellte sich heraus, dass er Musiker in Cottbus ist und dergleichen Situationen sehr oft im Zug erlebt… wir waren uns einig: „Diesen Leuten muss man Fragen stellen, vielleicht bleibt eine hängen…“

…das war eine Zugfahrt durch Sachsen am 9. Oktober 2017… die kursiv geschriebenen Zeilen entsprechen zwar dem heutigen Erlebnis, ich habe dergleichen aber so ähnlich schon ein paarmal erlebt. Es ist traurig, so etwas an diesem 9. Oktober zu erleben…

Heute Nachmittag war ich in der einstündigen Pause, die den Probentag teilt, kurz in der Nikolaikirche in Leipzig, 17 Uhr begann dort das Friedensgebet wie jeden Montag. Heute war es ungewöhlich voll, der Oberbürgermeister und viele Ehrengäste waren gekommen. Es war ein besonderes Friedensgebet am Jahrestag der Friedlichen Revolution und stand unter dem Motto „Aufbruch – Verantwortung – Offenheit“… das erste Lied konnte ich noch mitsingen, dann rief wieder der Probensaal, die Pause war zu Ende. Eine Zeile blieb hängen… „Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!“ …machen wir das, brechen wir auf mit Verantwortung im Gepäck und Offenheit!

Nikolaikirche

 

2 Gedanken zu “Armer, alter Mann

  1. Bewundernswerte Geduld! Auch wenn der „arme alte Mann“ vermutlich eine Störung hat und ihn daher kaum einer wirklich ernst nimmt, auch er hat eine Stimme bei der Wahl.
    Gefährlicher sind die Gepflegten, die gut situierten mit geschliffener Sprache und verführerischen Argumenten. Diesen gehen tatsächlich Menschen auf den Leim.
    Danke für dein unermüdliches Wiedersprechen, sowohl den armen, alten Männern, als auch den jungen reichen Frauen – um mal deine Spannbreite aufzuzeigen. Und berichte weiter darüber.
    Wir hören uns
    Matthias

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, normalerweise habe ich sehr viel Geduld, das lernt man als Orchestermusiker von der Pike auf… 😉 Warum ich diese Begebenheit aufschrieb: In letzter Zeit häufen sich Begegnungen dieser Art, normalerweise erwidere ich auf so etwas nur wenig, weil diese Menschen, die durch ihren Verfolgungswahn genug zu leiden haben, es schwer genug haben. Über diese Begegnung musste ich allerdings schreiben. Erstens wirkte der Mann nicht so verwirrt wie andere. Zweitens zelebrierte er diese Schimpfkanonade an diesem besonderen Tag, den er gar nicht auf dem Plan hatte. Drittens weigere ich mich, diese Begebenheiten immer wieder als „bedauerliche Einzelfälle“ abzutun, vor allem vor dem Hintergrund, dass 27% in Sachsen wohl dieser Meinung zu sein scheinen.
      Diesen Menschenschlag kann ich montags zuhauf in der Dresdner Innenstadt finden, da reicht es schon, wenn dein Schlüsselband, auf dem drei bestimmte Buchstaben prangen, aus der Tasche hängt, dass du vollgepöbelt wirst. Diese Menschen haben ein Problem, sie brauchen Hilfe und zwar nicht vorrangig medizinische. Wie man diese Leute abholt und sie wieder integriert, das sollte die gesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahre werden, sonst geht so einiges vor den Baum. Gehen wir also mit Verantwortung und Offenheit diesen Weg und schreiben diese Leute nicht sofort als „gestört“ ab.

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