Neuland

Ich hab heute meine Bahn verpasst (woanders heißt das Tram, manche bei uns sagen auch Straßenbahn oder Bimmel… es war nicht schlimm, es war die „gute“ Bahn, mit der nächsten, der „nicht mehr ganz so guten“ habe ich die Zugabfahrt auch noch „gut“ geschafft… diese Kurzerläuterungen nur ganz am Rande, denn all das will ich gar nicht erzählen…)
Was ich erzählen will, hat mit der Straßenbahn eigentlich gar nichts zu tun, nur ein bisschen… 

Ich lief also heute die Straße hin zur Haltestelle, kaufte wie immer unterwegs das Handyticket. Natürlich mit Handy in der Hand. Unterwegs grüße ich wie sonst oft den alten Mann, der dort wohnt und der, wie auch schon oft, den Fußweg vor seinem Haus kehrt. Wir grüßen uns immer, manchmal wechseln wir auch ein paar Worte. Heute kommt’s: „Immer das Handy in der Hand, dabei sehen Sie gar nicht so aus!!“ Freundlich sagt er‘s, aber der Vorwurf, dass ich etwas für ihn „Schlechtes“ tue, ist unüberhörbar. Ich muss lächeln und erwidere freundlich: „Ich kaufe hier immer meine Fahrkarte.“ … „Ach!“ kommt nach einer Weile mit sehr erstauntem Blick. Wir stehen uns gegenüber und schauen uns an. Dann zeige ich ihm kurzerhand auf meinem Handy, was ich da überhaupt meine. Er schaut sehr interessiert, dann kommt: „Interessant! Und ich dachte immer….“ Da war ich so unhöflich und sagte: „…gut, dass Sie mich gefragt haben! Ich muss jetzt schnell zur Bahn, bis zum nächsten Mal…“ Ich laufe schnell weiter, an der Ecke drehe ich mich kurz um, sehe ihn noch immer auf seinen Besen gestützt, mir hinterher sehend… wir winken uns kurz lachend zu… die Bahn unten auf der Hauptstraße fährt mir gerade ohne mich davon. Macht nichts. Ich weiß nicht, was der Mann nun denkt… aber ich glaube, er denkt nun etwas anderes als bisher immer.
Diese Begegnung (in ähnlicher Art und Weise habe ich und bestimmt manch anderer auch schon so etwas erlebt) möchte ich hier festhalten. Sie machte mir wieder deutlich, mit wie vielen Vorurteilen wir alle so durch diese Welt laufen und wie selbstverständlich das leider oft ist.
Liebe Alle, die ihr euch in dem alten Mann wiederfindet: Sprecht uns „Handy-in-der-Hand-Halter“ doch einfach mal an, wenn ihr wissen wollt, was wir da „immer“ so machen und tippen.

Liebe Alle, die ihr auch oft Handy-haltend durch die Gegend geht: Wenn euch jemand anstarrt oder anspricht, reagiert darauf! Fragt freundlich, zeigt vielleicht, was ihr gerade warum tut.

Fragen und Antworten. Das hilft, Vorurteile abzubauen. Nicht jeder ist schon drin im „digitalen Neuland“ und weiß, was man da alles Schönes treiben kann.

5 Gedanken zu “Neuland

  1. Ich weiss nicht so recht: Ich wuerde jemanden mit „Hand-in-der-Hand“ nicht ansprechen wollen. Das wuerde ich als unhoeflich empfinden. Ich wuerde naemlich selber auch nicht angesprochen werden wollen, wenn ich draussen auf der Strasse mein Handy nutze. Etwas Anderes ist das allerdings hier, in Deinem Beispiel, weil Ihr Euch ja wohl kennt.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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    1. Kennen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, wenn ich vorbeigehe und über seine Laubhaufen steige, sage ich natürlich „Guten Tag“. Wahrscheinlich lag ihm sein Satz auch schon öfter auf der Zunge, weil ich dort fast immer das Handy in der Hand habe, wenn ich zur Bahn gehe (muss ja immer die Fahrkarte kaufen). Wer weiß, ich bin keine, die völlig abwesend auf das Display starrt, sondern gehe schon auf meine Umwelt ein. Ich weiß aber, dass da auch andere entlang gehen, die kaum den Kopf heraus bekommen, die vielleicht schon über seine Laubhaufen stolperten und die auch nicht grüßen… Ich finde es schön, Leute zu grüßen, die man öfters sieht, macht man ja auch nicht überall. Ich freue mich jedenfalls über jeden, der über diese kleine Begebenheit nachdenkt und manche Situation nun vielleicht anders sieht. 😉
      Danke für´s Lesen und viele liebe Grüße,
      Susanne

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      1. Ich finde es auch schoen, wenn man sich gruesst. Das ist etwas, was mir hier in den USA aufgefallen ist und noch immer auffaellt: man gruesst sich viel haeufiger als ich es von Deutschland gewohnt bin. Vielfach sind es ganz wildfremde Menschen, die einem z.B. ein freundliches „Hello“ oder auch „How’s it going“zukommen lassen. Auch Autofahrer, die sich (auf Landstrassen) entgegenkommen, gruessen sich oft – manchmal wird dazu hier in Texas nur eben der Zeigefinger vom Lenkrad gehoben. Und wenn ich hier bei uns an der Strasse stehe, z.B. fuer die Muelltonne oder die Post, dann beht fast jeder vorbeikommende Autofahrer die Hand zum Gruss. Ebenso wie ich es tue. Ich finde diese Gesten unheimlich schoen.

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      2. Das sind sie… ich mag das auch. Hier im Osten Deutschlands ist das vielleicht noch üblicher als in anderen Bundesländern. Vielleicht stören sich auch deshalb viele an „Handy-Guckern“ und man provoziert ein Ansprechen, gerade dort, wo man sich vom Sehen kennt. Für mich ist es da selbstverständlich, dass man wenigstens grüßt.
        Ja, es fiel mir in Amerika auf, dass viel häufiger gegrüßt wird, meist ohne mit einer weiteren Reaktion zu rechnen.

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