Thesen, Thesen, nichts gewesen?

Zugegeben, ich bin wieder mal spät dran, schon ewig schlummern die Thesen der Kulturfritzen im Entwürfefach… viele Thesen… Puh!… humorvoll und ernst… Finale am Reformationstag. Gehört das dahin?… eine Sammlung von Aussagen, Thesen eben. Was hätte wohl Martin Luther dazu gesagt? … irgendwie unausgegoren das Ganze… und doch, ja, in gewisser Weise kann man das zum Reformationstag bringen… viel Weiterzudenkendes, viel Ja-was-hab-ich-da-eigentlich-so-für-eine-Meinung-dazu… oft „Darübernachgedachtes“… so wie mir geht´s wohl vielen (also ich hoffe das!!)… denn, darüber nachdenken über dieses #TheaterimNetz wird wohl nie ein Ende haben, ebenso wie über die Reformation damals, das war auch ein gesamtgesellschaftlicher Aufbruch, nicht ausschließlich nur Glaubenssache…

Von Thesenveröffentlichung durch die Kulturfritzen bis Ende der Blogparade war sehr viel Zeit… nun wird´s echt Zeit und ich will etwas von meinen Gedanken dazu preisgeben, aber wer bin ich schon? … Als Theatergängerin habe ich viele Wünsche an Theater und als Orchestermusikerin, die oft musikalisches Theater macht, erst recht. Ich hielt meine Meinung bei Theatervorstellungen oft privat für mich, da es Wortveranstaltungen sind und ich ja nicht überall meinen Senf dazugeben muss. Vielleicht ändere ich das ja aber auch, wer weiß…

Wahr oder falsch? Viele Behauptungen, viel „als ob“, und damit viel von einer Kulturtechnik, die im Theater zu Hause ist. Eine alte Kulturtechnik oder Fake News?

 

These 1
Dieses Theater wird sich im Internet nicht durchsetzen.

1

…ich hoffe, dass diese These falsch ist und dass sich Theater im Internet doch irgendwann durchsetzen wird. Das wird allerdings von uns allen abhängen, denn wir alle müssen dieses Theater ins Internet tragen und zwar nicht durch Schlussapplausfotos und „Hier-ich-war-da-Mitteilungen“, sondern durch das Erzählen, was wir in diesem Theater erlebten und was das Erlebte mit uns anrichtete… denn nur dann wird These 3 auch im Internet wahr…

These 3
Theater als Diskursort erlebt seine Renaissance.

Ich finde schon, dass an vielen Theater wieder mehr diskutiert wird als früher oder eigentlich, dass Theater immer da war als Diskursort einer gesamtgesellschaftlichen Ausdrucksform. Klar, viele „konsumieren“ nur, reden nie darüber, wenn sie zur Theatertür hinaus sind und der Alltag wieder zuschlägt, aber wer etwas diskutieren will, der wird auch gehört. Dass Inhalte diskutiert werden, ist doch selbstverständlich, nur macht das vielleicht nicht die breite Masse. Vielleicht ziehen sich die Diskussionspartner manchmal auch ein bisschen zu schnell in „ihr“ Theater zurück, haben nicht den Mut, hinauszugehen, denn das ist anstrengend und erfordert viel persönlichen Einsatz… insofern ist die These nun endlich auszudehnen… auszudehnen bis ins Netz. (Einige versuchen es und merken, wie schwierig das ist. Jenen wünsche ich Mut und Durchhaltevermögen.)

These 7
Der Theaterbesucher erhält auf ihn zugeschnittene Stückempfehlungen auf sein Smartphone.

These 11
Alle 11 Minuten verliebt sich ein Theatermensch in Twitter.

Es wäre toll, wenn diese beiden Thesen wahr wären. Wieviel könnte man damit anstellen, im und außerhalb des Theaters (nein, ich bin kein Freund von „live aus der Vorstellung twittern“… aber davor, danach, aus der Pause!…wenn es der Konzentration nicht abträglich ist). Nur wenn These 11 wahr wird, bringt es Theaterbesucher und Theatermenschen (also die, die darin irgendwie „schaffen“) zusammen und zwar die, die sich vorher noch nicht kannten. Dazu bedarf es mancherorts allerdings ein paar „Wegweiser“, aber das muss von der Theaterleitung gewollt sein.

These 13
Bei Schlüsselszenen erhalten Sie eine Push-Benachrichtigung auf Ihr Handy.

13

…sehr lustig! Wirklich. Für Leute, die gerade im Theater sind, finde ich´s nicht so wirklich toll (mich würde es stören), aber für Theatergänger, die gerade nicht in die Vorstellung gehen können, wäre das ein fantastischer „heißer“ Draht in gerade dieses Haus in diesem Moment, das würde ich lieben! :))

These 15
Ein Bloggercafé wird zum elementaren Bestandteil jeder Theatergastronomie.

These 36
Blogger sind die Zukunft der Theaterkritik.

Revolutionär! Das wäre wirklich eine tolle Theaterbereicherung, sozusagen die Publikumskritik ins Haus geholt, eine Ergänzung zur oft doch sehr steif daherkommenden traditionellen (Zeitungs)Fachkritik.

These 27
Jedes Theater beschäftigt einen Programmierer.

Puh… noch viel revolutionärer! Am Ende vielleicht sogar noch einen, der etwas vom Theater versteht? Wo gibt´s die eigentlich? Da müsste sich wohl noch eine These anschließen: Theaterakademien und künstlerische Hochschulen schaffen einen Studienzweig „Kulturinformatik“. (Ich glaube, das würden viele studieren wollen.)

These 31
Ein Whatsapp-Service informiert über Restkarten.

Wünschenswert und nützlich, aber umsetzbar?

These 41
Es gibt 4 große Social-Media-Plattformen: Facebook, Twitter, Instagram und Theater.

Das wäre wohl die Schaffung einer neuen Blase und wenig zielführend. Lieber die bestehenden Plattformen mit Theaterinhalten und -eindrücken fluten, dann mäandert man durch viele Gruppen.

These 50
Das Programmheft steht nach dem Theaterbesuch als eBook kostenlos zur Verfügung.

Das wäre toll! Wird bloß keiner machen…

These 51
Mitarbeiter von Theatern nehmen regelmäßig an Social-Media-Stammtischen teil.

These 52
Theaterhäuser organisieren regelmäßig Social-Media-Stammtische.

These 53
Social-Media-Events sind an Theaterhäusern selbstverständlich.

These 56
Die Zahl der Digital Natives im Zuschauerraum wird sich in den kommenden Jahren drastisch erhöhen.

These 63
Foodblogger stürmen Theaterkantinen und teilen ihr Essen.

These 68
Blogger sind Türöffner im Theater.

Schnappatmung, Kreisch!! All diese Thesen würden das Theater revolutionieren. Theater wäre nicht an der Ausgangstür zu Ende, es wäre kein „Statusbesuch“ im Sinne von „Heute Abend sind wir im Theater!! (Wir wissen nicht, worum es geht, ist wohl aber auch nicht wichtig.)“ Es wäre vielleicht irgendwann normal, dass man vor der Vorstellung über Hintergründe Bescheid weiß, dass man mit den Türöffnern über manchen Blogartikel und ihre Inhalte philosophiert, dass man weiß, wie es den Akteuren mit dem gleich zu sehenden Stück geht… und nicht zuletzt gibt sich auch die Theaterkantine mehr Mühe und man kann mit dem Koch über manche kulinarische, stückbezogene Kleinigkeit lachen? Hach, ein Traum und ein Erlebnis mit allen Sinnen, ich mag das!

These 78
Theater entdecken das Netz als Bühne.

These 84
Social-Media-Marketing wird Unterrichtsfach an Schauspielschulen.

These 86
Das Theater entdeckt das Storytelling.

These 92
Bei einer Blogparade ziehen die reichweitenstärksten Blogger auf einem roten Teppich ins Theater ein. 

Handlungsbedarf! Lieber heute als morgen, denn gestern wurde viel geschlafen in den schönen örtlichen Theaterblasen. Vielleicht auch hier noch eine zugegeben sehr revolutionäre These hinterher: Der örtliche Theaterkritiker der Regionalzeitung veröffentlicht seine Kritiken in einem Blog und diskutiert mit dem Publikum, dem Intendanten, den Schauspielern darüber. Na gut, das wird wohl nur sehr schwer Wirklichkeit werden, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen…

 

These 95
Das Theater überlässt das Netz nicht den Populisten, Trollen und Hatern.

Verpflichtung! (Ist ja eigentlich klar und liegt in der Natur des Theaters. Und in einem guten Theater wird das auch niemals passieren. Natürlich wird es Krakeeler geben, aber dem ist ein wirkliches Theater gewachsen.)

 

These 64
Catcontent ist auch im Spielplan keine Lösung.

Keine Lösung, aber wie immer spielbereicherndes Element… über mehr schweige ich mich als Dosenöffnerin aus. 😉

//

Diesen Thesen wäre eine wahre Diskussionsflut zu wünschen, dann wird vielleicht eine Reformation des Theaters (der Kulturinstitutionen) stattfinden. Solange aber alles in alten Mustern gefangen ist und sich kaum Leute trauen, über Inhalte zu diskutieren, wird es schwer. Für mich ist dieses „Darüber-nachdenken-und-vielleicht-sogar-schreiben“ sehr wichtig, mir hilft es, Gesehenes/Gehörtes/Gespieltes neu zu sortieren und für mich zu reflektieren. Bis jetzt habe ich von meinem Aufgeschriebenen nur wenig veröffentlicht, schrieb es nur für mich, weil ich dachte, es ist sowieso niemandem wichtig… aber wenn nun jeder so denkt? Wenn ich den Mut hatte und es veröffentlichte, entspannen sich oft wundervolle Diskussionen daraus, also, warum haben wir nicht alle den Mut? Es würde sich sicher lohnen…

5 Gedanken zu “Thesen, Thesen, nichts gewesen?

  1. Wunderbare Anregungen, die auch für andere Institutionen nachdenkenswert sein können/sollten.
    Alles steht und fällt mit dem Wunsch und Willen zu echter Auseinandersetzung, wie immer und überall…
    Ich wünsche, dass das „nichts gewesen“ sich nicht bewahrheitet!
    Viele Grüße,
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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