Nicht davon, sondern dafür leben!

Eine Reise… von Lissabon nach Porto mit mehreren Stationen, so fing alles an, unsere Urlaubsplanung… und am Anfang stand da auch die Quartierfrage. Zelten fiel aus mehreren Gründen aus, zum einen ist es immer eine Gepäck- und Bequemlichkeitsfrage, zum anderen lernt man beim Zelten Land und Leute weniger kennen, weil man eher unter anderen Reisenden ist. Beim Radfahren ist Zelten sehr bequem, da man täglich weiterzieht und abends doch in ein „bekanntes“ Bett sinkt. Aber wenn man mehrere Tage an einer Station bleiben und den Leuten näher kommen möchte, ist ein festes Quartier besser. Also machten wir uns auf die Suche abseits der großen Hotelketten.

Wir waren zuvor noch nie in Portugal, verließen uns auf Erzählungen, Reiseberichte, Reiseliteratur usw. und waren übereingekommen, dass Zimmer bzw. Ferienwohnungen möglichst von Privatanbietern die beste Lösung sind, gesagt, getan, wir buchten von Deutschland aus und hofften, eine gute Wahl getroffen zu haben. Es war auch so, alles bestens, aber… dann kommt man fast am Schluss der Reise in diesem einen Quartier an und alles ist noch besser, man taucht plötzlich in eine ganz wunderbare Welt ein.

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Was sich hinter diesem Tor zu unserer Ferienunterkunft in einem kleinen Dorf unweit von Aveiro verbergen würde, fanden wir nach und nach heraus.

Wir hatten eine Art kleines Familienhotel erwartet, so, wie schon einige Quartiere zuvor. Bisher begegneten uns die Menschen in Portugal immer sehr freundlich bei der Ankunft, erklärten uns alles rings um die Zimmer bzw. Ferienwohnung, doch dann zogen sie sich schnell zurück und ließen uns allein, oft war wohl die Sprachbarriere schuld (wir können kaum portugiesisch, die Vermieter oft nur das nötigste Englisch). Die Kontakte beschränkten sich im Wesentlichen auf „Bom dia“, „Olá“, „Obrigado“, ein bisschen Smalltalk samt Ausflugstipps auf Englisch (soweit es ging). Nicht, dass wir darüber böse gewesen wären, wir hatten ja alles, aber es kam uns manchmal so vor, als wollte man sich nicht näher hineinblicken lassen. Beim vorsichtigen Hinsehen sahen wir auch, wie schwer es manche haben. Neben den Zimmern, Ferienwohnungen wird meist noch ein ganzer Hof mit Acker und Vieh bewirtschaftet, die einen sind gerade mit der Kartoffelernte beschäftigt (von Großmutter bis Enkel hilft da jeder mit), die anderen managen Tag und Nacht eine Ferienanlage, die großflächig ins etwas entfernte Hinterland eines Dorfes gebaut wurde… Es waren sehr verschiedene Quartiere und es war schön so.

Bei diesem Quartier nun war alles anders. Wir wurden schon bei der Ankunft durch das ganze Anwesen geführt, das auf den ersten Blick wie eine kleine Farm mit Fremdenzimmern anmutete. Überall begegnete man Hühnern, Katzen unter Zitronen-, Orangenbäumen, lief um Gemüsebeete, auf denen allerhand vor sich hin wuchs, stieß auf schattige Grillplätze, den uralten Waschplatz oder den von Enten und Gänsen bevölkerten kleinen Teich. In der Mitte ein Swimmingpool und ein kleines Holzhäuschen, von Zitronenbäumen umrahmt. Alles beherrscht von einem großen dreistöckigen Haus, was wie ein altes Herrenhaus anmutet, hohe Decken, lange Flure, liebevoll renovierte Zimmer mit altem Mobiliar… und mittendrin ein Paar, das diese Fülle bewirtschaftet und die Renovierung des Anwesens einst als „Ruhestandsprojekt“ in Angriff nahm. Genau genommen, in Angriff nehmen musste. Die Geschichte hinter diesem Haus erfuhren wir so nach und nach.

Schon bei der Zimmerschlüsselübergabe gab es einen besonderen Willkommenstrunk. Orangensaft für die Kinder und ein alkoholisches Hausgetränk für die Großen. „Alles bei uns hergestellt und gewachsen!“, hörten wir und staunten, als uns der Hausherr sagte, dass dieses Haus eigentlich die „Alambique“ des Dorfes ist…. Sollte jetzt der Leser nicht sofort wissen, was eine Alambique ist, dann ist das nicht schlimm, uns ging es genau so, nach unseren fragenden Blicken erklärte er uns, was es damit auf sich hat. Es handelt sich um eine Anlage zum Grappa-Brennen (in Portugal heißt der Grappa anders, aber ich weiß das Wort nicht mehr und würde es vermutlich auch falsch schreiben). Die Anlage wurde bis vor wenigen Jahren noch bewirtschaftet, jedoch, der Besitzer starb ohne einen Nachfolger. Die Erben wollten die Anlage verkaufen. Das alte Haus, stark verfallen, wollte niemand im Dorf. Der alte Bürgermeister des Ortes (gerade abgewählt), den die Erben zu Rate zogen, gab den Rat, alles abzubauen und zu verkaufen. Die neue, frisch gewählte und im Dorf noch nicht ganz ernstgenomme BürgermeisterIN hörte davon und war außer sich. Es kann ja wohl nicht angehen, dass die einzige Grappa-Brennerei der Gegend ins Ausland verkauft wird! Noch dazu, ohne sie zu fragen! Die Erhaltung dieser Anlage im Ort zählt für sie zu den wichtigsten Bürgermeisterpflichten, nur, ein Betreiber findet sich noch immer nicht. Ihren Mann, gerade in einem Auslandseinsatz, konnte sie nicht wirklich zu Rate ziehen… kurz überlegt, hat sie den Kauf des Anwesens in die Wege geleitet und damit die Weichen für die baldigen „Ruhestandsvorhaben“ ihres Mannes gestellt. Sehr mutig finde ich das. Er erzählt es uns mit glücklichem Gesicht und sagt: „Wenn wir es nicht gern machen würden, müssten wir es ja nicht. Der Unterschied ist: Wir leben nicht davon, sondern dafür. Klar, verdienen wir damit Geld, aber das haben wir am Anfang alles noch nicht so gewusst, geschweige denn, so geplant.“ Das Paar stürzte sich in die Arbeit und sanierte das Haus. Gemeinsam mit den erwachsenen Kindern lernte er die Bedienung der Anlage und dann trugen sie sich als Firma ein, als die sie die Alambique betreiben.

Nun kommen wieder in jedem Herbst die Winzer im Umkreis von 60-120km mit ihrem Trester, um daraus Grappa zu brennen, das Geschäft läuft von September bis November, sie sind ein Service-Unternehmen für die ganze Region (es gibt in dieser Region nur noch zwei Destillerien, es wäre wirklich ein großer Verlust gewesen, wenn davon noch eine weggefallen wäre). Tja, und ganz nebenbei sind in dem altehrwürdigen Haus sechs Fremdenzimmer und zwei Appartements entstanden, die nun rege genutzt werden.

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Das moderne Azulejos-Wandbild im Frühstücksraum zeigt das Jahr, dass der Wein braucht, bis er quasi als „Abfall“ in der Alambique landet, vom Schneiden der Weinstöcke im Winter und der Triebe im Frühling, der Weinernte und den Weinfesten, dem Genuss, dem Einfüllen des Tresters nach der Weinpresse in den Behälter der Alambique bis zum Abfüllen des edlen Tropfens, wie auch immer er dann heißt. (Die Katze weiß es bestimmt.)

Beim Frühstück staunten wir über ein modernes Azulejos-Wandbild und kamen wiederum mit den Wirtsleuten ins Gespräch, die sich rührend um das Wiederauffüllen des Buffets kümmerten und für jeden Gast noch so manchen Ausflugstipp parat hatten oder eben gern über ihr Haus erzählen in einer ganz wunderbaren Art und Weise. Wir erfuhren, dass eine Künstlerin des Dorfes den Entwurf gemalt hat, aber die fertige Ausführung und Anbringung vor Ort leider nicht mehr erlebte, da sie kurz zuvor einer schweren Krebserkrankung erlag. Dargestellt ist der Jahreslauf des Winzerlebens, nur steht eben am Schluss nicht der Wein, sondern die Alambique. Wunderbar integriert in den neuen Holzanbau, der den Speisesaal des Hauses beherbergt, leuchten die Wandfliesen je nach Tageszeit in wunderbaren Farben. Die Zeichnung der Künstlerin, die zum Azulejos-Brenner ging, hängt eingerahmt an der Wand.

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Zeichnung des Wandbildes, die Künstlerin starb leider, bevor sie es in diesem Raum bewundern konnte. Es strahlt in den schönsten Farben und beherrscht den modernen Holzanbau.

Die Hausherrin, nun auch schon im Ruhestand, bereitet jeden Morgen für die Gäste ein wunderbares Frühstück mit viel Obst aus dem Garten, regionalen Käse- und Wurstsorten, selbstgebackenem Kuchen und Orangensaft von der eigenen Plantage…

Und da sind wir schon bei einem weiteren Teil der wunderbaren Geschichte dieses Quartiers. Als sie noch Bürgermeisterin war, wollte eine Familie ihre große Orangenbaumplantage verkaufen. Sie kamen zu ihr als Bürgermeisterin und erzählten von dem Anliegen. Die größte Angst der Leute war, dass jemand dieses große Stück Land kauft, alle Bäume rodet und darauf wieder „irgend so eine Appartmentanlage hinbaut“, das wäre eine Katastrophe für diese alte Plantage und ganz und gar nicht im Sinne der Familie, die das Land leider nicht selbst weiter bewirtschaften könne, ob sie als Bürgermeisterin nicht jemand wüsste… Nun ja, es fand sich im Dorf niemand, der das Land wollte bzw. niemanden, dem die Familie auch vertrauen wollte. Aber… die Frau der Familie (mit demselben Vornamen wie die Bürgermeisterin und deren älteste Tochter) kam immer wieder auf die Bürgermeisterin zu, eine Freundschaft entstand und letztendlich sagte die Frau: „Dir würde ich es sofort verkaufen! Dir vertraue ich, es gibt so viele Gemeinsamkeiten zwischen uns, du schaffst das und obendrein hättest du immer frischen Saft für deine Gäste.“ Die Bürgermeisterin redete wieder mit ihrem Mann und auch dieses Land wurde gekauft und im ursprünglichen Sinn weiterbewirtschaftet. Und so ernten die beiden nun alle paar Tage einen Kofferraum voll Orangen und beim Frühstücksbuffet greifen die Gäste gern zu dem leckeren, frisch gepressten Orangensaft.

Das Engagement des Paares ist ein wahres Glück für das Dorf. Man sieht Leute ein und aus gehen (natürlich wird Reinigungspersonal und auch der eine oder andere Helfer gebraucht, allein ist die Fülle der Aufgaben nicht zu schaffen), das Paar arbeitet jeden Tag hingebungsvoll auf dem Grundstück oder im Haus. Sie sagten: „Wir stehen jeden Tag um sieben auf und gehen um elf ins Bett, dazwischen tun wir, was wir können.“ So einfach. 😉 Der Satz: „Wir leben nicht davon, sondern dafür.“ bleibt lange hängen, denn das ist wirklich DER Unterschied zu vielen ähnlichen Unternehmungen und dieser Satz passt so gut zu allen Tätigkeitsbereichen, dass man ihn nicht oft genug weitergeben kann.

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Der Mond leuchtet über dem verschlossenen Tor der Alambique.

Ich habe in diesem Artikel bewusst auf Nennung von Namen und Ortsnamen verzichtet, da es Werbung (für die ich natürlich nichts bekomme) wäre und ich nicht weiß, ob ich das darf, lasse es stattdessen lieber etwas im Dunklen. (Wer mehr wissen möchte, dem übermittle ich aber gern Genaueres wie Adresse, Namen, Ort ect. – bitte kurze Nachricht mit Kontaktmöglichkeit an mich.) Dass ich das alles so ganz konkret erzähle, ist auch gar nicht mein Anliegen. Vielmehr ist es der Umstand, dass Leute in ihrem Ort soviel bewegen können, weil sie es wollen und etwas für die Dorfgemeinschaft tun möchten. Der Hausherr hat uns beim Abschied gesagt: „Erzählt es weiter, wenn´s euch gefallen hat! Wir hier im Dorf, die ganze Gegend und Portugal können Gäste gebrauchen, die sich ein paar Tage wertschätzend hier niederlassen, die Seele baumeln lassen und dann möglichst vielen erzählen, wie schön es hier ist und wie wir hier leben.“ Und das und nicht mehr will ich mit diesem Artikel erzählt haben… vielleicht macht es ja auch Lust, sich im eigenen Haus, Dorf, Stadt, Land in diesem wertschätzenden Sinn noch mehr einzubringen und sei es nur mit ganz kleinen Dingen.

 

6 Gedanken zu “Nicht davon, sondern dafür leben!

  1. Das klingt sehr reizvoll und ich wäre an der Adresse interessiert. Wir wollen seit langem einmal Urlaub in Portugal machen und das „Alembique“ scheint mir unseren Vorstellungen von einer perfekten Unterkunft recht nahe zu kommen. Herzlichen Dak!

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