Sonntagmorgen am Bahnhof

Zu früh am Bahnhof… Ein Sonntag. Matineekonzert in Leipzig steht auf dem Plan. Ich warte müde mit Kaffeetasse am Gleis, es ist kalt…

Ein junger Mann am Nachbargleis, colour people…. Er lächelt und nickt. Ich denke, kennt er mich? (Ich erkenne manche nicht wieder, traf schon so viele…) Er verschwindet die Treppe hinunter…

Kurze Zeit später ist er auf demselben Gleis wie ich. Er spricht mich an. Small talk. Woher, wohin, lange Nacht, Freund hatte Geburtstag, viel Alkohol, ist das kalt, ey… das kenne ich. Oft begegnen mir derlei Nachtschwärmer, Flirter auf der Suche nach dem abschließenden Etwas der Nacht… Ich denke: „Orr, das brauchst du jetzt aber nicht auch noch…“ Aber die Worte waren sehr mühsam, zitternd vorgetragen, deutsch-englisch-französisch-Gemisch, er machte einen ernsthaften Eindruck. Er sagt: „Ich – zurück nach R., da wohne ich in Haus am Bahnhof.“ Das Wort Polizei fällt, der Zusammenhang erschließt sich mir nicht. Er macht einen verzweifelten Eindruck.

Ich frage nach, ob er ein Ticket hat für den Zug. Er sagt: „Kauf ich im Zug.“ Ich sage: „Dann bekommst du Ärger. Komm, wir gehen zum Ticket-Automaten.“

Wir kaufen ein Ticket, ihm fehlen ein paar Cent, sie müssen sich in seiner Tasche verirrt haben… zitternd sucht er. Ich stecke welche von mir in den Automaten, kein Problem, das macht mich doch nicht arm, das Nahverkehrs-Ticket kommt heraus. Er ist froh, dass er ein Ticket in den Händen hält…

Zurück auf den Bahnsteig. Der Zug kommt. Wir steigen ein.

Im Zug bemerke ich, dass sein Ticket noch draußen abgestempelt werden muss. Ich gebe der Schaffnerin Bescheid und sprinte noch einmal hinaus, entwerte es, zurück in den Zug… Puh. Abfahrt. Alles gut. Wir fahren, es ist warm.

Er zittert. Vor Kälte. Eine andere Reisende hat sich zu uns gesetzt. Wir stöhnen über die Kälte und kommen auch sonst schnell ins Gespräch…

Wir sehen, dass er keine Strümpfe in den sehr dünnen Schuhen an den Füßen hat. Wir fragen, wie lange er schon in Deutschland lebt…

Acht Monate.

Er geht zum Sprachkurs A1, ein paar Sätze sitzen schon, etwas Englisch, ansonsten Französisch, französisch muss ich passen… zu lange nicht benutzt.

Die andere Frau zieht ein paar Socken aus ihrem Koffer, er zieht einen an, hat Schmerzen, lächelt dankbar, lässt den anderen liegen. Ich helfe ihm, den anderen auch noch anzuziehen, er ist dankbar… Gleich kommt die Frage: „You are married?“ Ich denke: „Mann. Nur das eine im Kopf…!“

Wir sind ratlos. Er erzählt, dass er „Architect“ war in Kamerun. Er hört auf zu zittern, wirkt aber noch immer unsicher. Völlig klar, wer weiß, wie lange er auf dem Bahnhof zubrachte. Er ist so dankbar, ein Leuchten in seinen Augen. So hoffnungsvoll, nicht aufdringlich, aber respektvoll neugierig. Aber immer wieder die Frage: „You are married? Do you have sister?“

Ich denke: „Meine Güte, kommt der nicht ohne Frau klar oder was? Braucht er ein Mütterchen? Komm auf die Füße!“ Im nächsten Augenblick: „Ja, er ist hier allein, wer weiß, was er hinter sich hat, ich verstehe ihn. Es ist schwierig. Was machen wir bloß!“ Er sagt selbst, er fühlt sich schrecklich allein, keine Freunde, keine Frau, nur Probleme…

In R. steigt er aus. Wir tauschten die Telefonnummern (ein Fehler? Mein Herz sagt: „Nein.“ Sekundenentscheidungen.)

Es folgt ein kurzweiliges Gespräch mit der anderen Frau, sie ist auf dem Weg in den London-Kurzurlaub mit ihren Kindern. Unter anderem werden London-Kulturtipps für Tage mit Kleinkindern getauscht… die Zeit bis Leipzig vergeht viel zu schnell… hektisches Zusammenpacken…

Eine Handy-Nachricht trifft ein kurz bevor wir da sind. „Ich habe ein Handy verloren.“ Wir sehen auf der Sitzbank nach… es ist da. Ich nehme es an mich und schreibe, dass ich es gefunden habe und es mitnehme. Ich fahre ja dieselbe Strecke zurück und am Nachmittag werde ich es aus dem Zug reichen… das ist doch keine Mühe…

In Leipzig verabschiede ich mich von der Frau, ohne nach der Telefonnummer zu fragen, jeder eilt weiter… eilige Sekundenentscheidung. Jetzt bereue ich es… (falls sie das liest, sie arbeitet in einer Dresdner Apotheke, über einen Kontakt würde ich mich freuen.)

Doch nun: Anspielprobe. Konzentration. Konzert. Freude. Mendelssohns Schottland im Gewandhaus. 😉 Viel Freude! Danach ist schon halber Nachmittag. Der Rückweg beginnt… müde. Die letzten Tage mit viel #AbenteuermitderDeutschenBahn liegen in den Knochen…

Rückweg. Nachricht schreiben. Zug und Waggonnummer werden gesimst. Nur kurzer Halt in Riesa, alles muss klappen, ich kann in Riesa nicht aussteigen, weil eine Tanzaufführung der großen Tochter in Dresden auf mein Erscheinen wartet. Ein paar Nachrichten werden getauscht, es geht wieder um Frauensuche… ich bin genervt. Aber er ist am Bahnhof und am richtigen Gleis.

Halt in R. Das Handy wird an der Tür nahezu wortlos übergeben. Happy End?

Nein, die Nachrichten auf dem Handy reißen nicht ab. Er ist dankbar, sehr sogar, er schreibt von Tränen in seinen Augen. Ich verstehe das, es wird ihm nicht oft passieren, dass er Hilfe findet. Er sagt, dass seine Hautfarbe in den meisten Menschen Angst auslöst. Ich verstehe das sehr gut, aber ich mache ihm klipp und klar, dass ich seine Anmachversuche nicht gut finde und dass seine Probleme sich auch nicht lösen, wenn er hier eine Frau findet… Wenn er so weitermacht, fängt meine Angst an, so wie bei vielen, deshalb helfen wenige (kaum einer ist vorurteilsfrei). Aus diesem Grund kann ich allein ihm auch nicht helfen. Aber ich gebe ihm ein Kärtchen eines Willkommensnetzwerkes und hoffe, dass er dieses Angebot nutzt, sollte er mal seine Anmache abstellen, können wir ja mal zusammen hingehen, ich kenne da schon viele. Er steckt es fast ungesehen weg (spät am Abend schaut er es sich an und fragt, was es ist. Ein erster Schritt.). Er zeigt mir stattdessen seine Papiere und sagt: „Nur befristet, ich brauche eine Frau…“ Ratlos schaue ich ihn an und wiederhole nochmals, dass eine Frau seine Probleme nicht löst, sondern dass er das schon selbst tun muss.

Ich verstehe, er ist total allein in diesem unwirtlichen Land, vor seinem Haus prangt ein riesiger Schriftzug „FCK AFD“. Darüber war er sehr erschüttert, auch über seine Angst bei all dem Geschrei, was Demos eben so mit sich bringen. Den Schriftzug sieht er nun jeden Tag, wenn er in dieses Haus zurückkehrt. Natürlich weiß er, wer die AfD ist. Der Schriftzug bleibt, die Demonstranten schreien woanders weiter. Er ist allein und muss mit all diesem Hass umgehen. Wir auch. Kann er es einordnen? Wie wird er es sehen, wenn sich zwei Menschenlager gegenüberstehen und sich anbrüllen? Wir haben riesige Probleme in Deutschland. All das haben wir uns lieber nicht erzählt…

Es ist grob fahrlässig, diese Menschen allein zu lassen. Helft ihnen, redet mit ihnen und sie werden froh sein, das ist das Mindeste, was wir tun können. Ich bat ihn, mir seine Geschichte aufzuschreiben, weil es wichtig ist, die Geschichten zu kennen und sie sich gegenseitig zu erzählen. Er schreibt, dass er sie nur erzählt, wenn ich frei bin und die richtigen Fragen stelle. Es tut mir leid, aber nun bin ich raus. Ich hoffe, dass er sich Hilfe holt. Er wird sie bekommen, denn die Wege sind gezeigt, aber ich persönlich kann nicht mehr für ihn tun. Ich hoffe, er konnte etwas aus unserer Begegnung mitnehmen. Ich habe wieder viel gelernt. So ist das Leben!

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