Streunerei durch Dessau

Mein Angestelltendasein im Orchester führt mich weit in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen herum, oft an prominente Orte, aber auch an abgelegene. Schön ist das, nur hat man oft nicht viel Zeit zum Verweilen. Als meine Kinder klein waren und meine Anwesenheit zu Hause dringender gefragt war als heute, bin ich oft nur zum Konzertort hingefahren, habe Probe und Konzert absolviert, kaum etwas gesehen und bin wieder ins Auto und schnell zurück. Mehr war kräftemäßig auch oft nicht drin. Nun, da sie größer sind, sieht das alles ganz anders aus. Teenager bzw. junge Erwachsene brauchen Zeit für sich selbst fast genauso dringend wie eine entspannte Mutter, davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wenn ich dann auch noch etwas Interessantes von den Abstechern zu erzählen habe, höre ich zwar oft erstmal: „Wo warst du denn nun schon wieder, wieder in irgendsoeinem Kulturding?“, aber manchmal wird auch über die Bilder und Erzählungen gestaunt, nun ja, irgendwann kommt es vielleicht an und sie wollen mehr wissen. Bei mir war das ganz ähnlich. 😉

Im Dienstplan stand „Konzert in Dessau“. Schon oft war ich deshalb in Dessau. Überhaupt war ich schon oft in Dessau. Als Kind war ich einmal dort bei Verwandten. Wir besuchten damals Wörlitz, streiften durch den wunderbaren Park, das Wetter war regnerisch und kalt, man ahnte die Schönheit, ich fuhr aber gern wieder weg. Die Häuserzeilen, die aus verrammelten Toren und zugezogenen Fenstern bestanden und ziemlich abweisend und menschenleer die fast ländlich anmutenden Straßen des Dessauer Vorortes prägten, wirkten nicht sehr einladend auf mich. Als 16-jährige kurz vor der Wende war ich eine Woche zu einer Musikwoche in Dessau. Wir liefen durch die triste Neubaustadt (das alte Dessau war sehr stark zerstört), empfanden es trotz Sonne als trist und waren ansonsten fast pausenlos mit Musik beschäftigt. Prioritäten eben, warum sollte ich mich für diese triste Stadt interessieren? Das Thema Bauhaus war nicht präsent, man hat schon hier und da mal davon gehört, aber wenn man es ansprach, hörte man nur: „Ach ja, da war mal was. Es war eine kurze Episode, da ist fast nichts mehr los. Ein paar komische Häuser, sonst nichts.“

„Hier war mal eine renommierte Buchhandlung“, erzählte Anke im Vorbeifahren. An vielen Stellen in der Stadt sieht es so aus, aber an anderen Stellen spürt man einen Aufbruch. Mein Bild von Dessau war bisher eher wie dieses.

Und nun, im Bauhausjahr 2019, begann bereits in den ersten Januartagen mein Interesse mit den Füßen zu scharren. Zuerst fiel mir von Jana Revedin das Buch „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ über Ise Frank in die Hände. Ich schrieb hier schon etwas darüber. Schon da reifte der Stadtstreunerplan. Gerade las ich von Theresia Enzensberger „Blaupause“, eine fiktive Roman-Geschichte, die die Zustände am Bauhaus in Weimar und später in Dessau aus Frauensicht beschreibt, hier hervorragend im Blog Sätze & Schätze beschrieben (deshalb muss ich hier jetzt nicht noch mehr dazu schreiben). Nicht zuletzt ist das Angebot an kulturellen Veranstaltungen, Ausstellungen und Fernseh-/Radiosendungen riesig, man kommt kaum hinterher.

Ich war also oft in Dessau und kannte all die Spuren des Bauhauses nicht. Das musste ich ändern. Ich verabredete mich also mit Anke, der neuen Pianistin vom Ensemble Leggieramente und gebürtigen Dessauerin zu einer Streunerei zwischen zwei Konzertterminen und fuhr sehr früh in Leipzig ab nach Dessau. Anke holte mich am Bahnhof mit dem Auto ab und wir wollten so viele Stellen wie möglich anfahren. Drei Stunden Zeit hatten wir, mehr leider nicht.

Wir begannen am und im Bauhaus. Uns fielen bei unserer Ankunft sofort die bunten Zettel in den Fenstern ins Auge. Am Tag vorher fanden zum 74. Jahrestag der Bombardierung wieder verschiedene Demonstrationen statt. Rechte Gruppen versammelten sich, um ihren Opfermythos zu pflegen. Die meisten Menschen jedoch versammelten sich am Bauhaus, der sonst weiße Schriftzug wurde in bunt präsentiert, eine Menschenkette wurde gebildet. „Die Welt ist einfach ein bisschen komplexer, das sollte der Ausdruck hier sein“, sagte die Bauhaus-Direktorin Claudia Perren. Der Aufzug der Rechten sollte auch am Bauhaus vorbeiführen, da wollte man verhindern, dass „sie weder physisch noch medial dieses Bauhausgebäude für sich vereinnahmen.“

„Bunte Bilder bleiben. Klacks.“

Idee weiterleben! Explosion! Bauhausmuse

Anke erzählte mir von ihren Erlebnissen mit der Bauhaus-Eingangstür: „Hinein mit bangem Herzen, hinaus mit fliegenden Sinnen.“ Sie hatte dort so manches Klaviervorspiel in der Bauhausbühne, hinein ging´s mit Lampenfieber, hinaus mit erleichtertem Stolz über das „Abgelieferte“. Sie erzählte, dass das Haus damals schon etwas Besonderes war, aber natürlich auch einen etwas hinfälligen Eindruck erweckte. „Es zog eigentlich immer irgendwo und es hätte schon damals einer Sanierung bedurft.“, sagt Anke. Wenn man Bilder aus den verschiedenen Zeiten sieht, glaubt man das sofort.

Eine Bildergalerie im Keller zeigt den Zustand des Hauses in verschiedenen Zeiten.

Wir gingen durch die Gänge, genossen die lichte Atmosphäre, schauten in sonntagsaufgeräumte Werkräume, hier und da huschten kreative Leute von Raum zu Raum… ein guter Auftakt.

Mit dem Auto fuhren wir an den „Sieben Säulen“ vorbei, später fand ich dazu dieses Gedicht und finde es wunderbar passend zu unserer kleinen Streunerei. Der Autor Jing Zhou , geboren in China, lebt seit Anfang der 1990er in Dessau.

In unmittelbarer Nähe befindet sich die Meisterhaus-Siedlung. Derzeit wird noch gut verhüllt fleißig renoviert und rekonstruiert, damit im September, wenn in Dessau das neue Bauhaus-Museum eröffnet wird, alles glänzt. Am Gropiushaus musste man klingeln, ein Schild verhieß, dass trotz Baustelle geöffnet sei. Und wirklich, ein freundlicher Mann öffnete, wir konnten uns das kleine Museum anschauen und später auch noch das Feininger-Haus. Nur das Kandinsky/Klee-Haus ist noch nicht zugänglich.

Da draußen vor den Fenstern noch Bauplanen hingen, wirkte das Licht eigenartig gedämpft, aber einen Eindruck von Raumaufteilung und Funktionalität hatte man.

Im Treppenhaus eines der Meisterhäuser. Farbig und hell.

Wir stiegen Treppen, bestaunten Einbauschränke, Küchengeräte und vieles mehr und entdeckten auch so manches, was vielleicht noch nicht ganz durchdacht war. Man spürt noch heute Experimentier- und Denkprozesse, das ist gut.

Interessant war es im „schwarzen Zimmer“, einstmals das Schlafzimmer von Georg Muche. Er beriet sich mit Marcel Breuer über die Wandfarbe, der der Meinung war, dass Schwarz die Farbe des Schlafes sei. Muche sagte, das sei doch die Farbe des Todes und wünschte sich wenigstens etwas blau oder blaugrau für die Decke… wie die Geschichte weitergeht, kann man auf meinem Foto lesen. Muche hat jedenfalls nur eine Nacht in diesem Zimmer geschlafen (ich könnte in diesem schwarz-spiegelnden Monstrum auch nicht schlafen).

Türen im Bad. War da Türenschlagen vorprogrammiert? Was wäre, wenn da Teenager wohnen? Fragen von heute ans Gestern… 😉

Weiter fuhren wir… an die Elbe zum Kornhaus, einem beliebten Ausflugslokal in Dessau, das von Carl Fieger, einem Entwurfszeichner aus dem Büro von Walter Gropius entworfen wurde. Eine große Glasveranda mit Blick zur Elbe für Schlechtwettertage und davor eine große Terrasse mit Tischen und Stühlen. Innen ein Saal mit kleiner Bühne. Alles hell und lichtdurchflutet. Einfach, funktionell.

Die drei Stunden schmolzen dahin. Wir wollten auch noch zur Siedlung nach Törten auf der anderen Seite der Stadt. Also schnell ins Auto und vorbei an der Baustelle des Dessauer Bauhaus-Museums, das im September eröffnet werden soll, dabei im Vorbeifahren ein Foto aus dem Auto heraus geknipst und Pläne angedacht…

„Museum for everyone“ steht am Bauzaun in bunten Lettern. Man darf gespannt sein!

In Törten angekommen drängte die Zeit schon sehr. Wir fuhren durch die Siedlung und sahen uns nur einen Block etwas näher an, dann mussten wir zum Theater, wo bald die Probe beginnen sollte.

Auf jeden Fall hat sich dieser erste Stadtstreunerausflug zwischen Konzerthaus-Tür und Festspiel-Theater-Angel gelohnt. Ich sah die Stadt nun in einem anderen, neuen, weniger tristen Licht, manchmal braucht es eben viele Anläufe. Ab September ist das Museum geöffnet und die Meisterhaussiedlung saniert, vielleicht finde ich da noch einmal länger Zeit und Gelegenheit, mich in Dessau umzuschauen (und vielleicht ist da auch Anke wieder mit von Partie). Inzwischen gibt es sicher noch viel zum Thema Bauhaus zu entdecken. Ansonsten, das nächste Konzert in Dessau kommt garantiert…

8 Kommentare zu „Streunerei durch Dessau

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  1. Danke für diesen lebendigen, eindrucksvollen Stadtbummel. Das macht richtig Lust auf Dessau – unabhängig vom Jubiläumsjahr. Ich möchte mir auch das neue Bauhausmuseum in Weimar anschauen, aber vielleicht doch eher 2020, wenn der Rummel vorbei ist. Und in Dessau war ich noch nie – dank deiner Stadtführung rückt das jetzt doch ein Stück näher.
    Herzlichen Dank auch für den Link!

    Viele Grüße von Birgit

    Gefällt 1 Person

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