Zwischenzeit in Weimar – Teil 1

Zwischenzeit… so eine Zeit ergibt sich bei mir oft. Der Dienstplan ist doch das unbequemste Korsett, was ein angestellter Orchester-Musiker tragen muss und bei aller Auswahl an „eleganter Sportkleidung“ (zumindest als Dame) wird dieses „Kleidungsstück“ als Voraussetzung des Zusammenklangs immer Pflichtkleidung bleiben und somit auch alltagsbestimmend und das ist auch sehr gut so. Aber rings um diese feststehenden Gruppen-Termine samt persönlicher Vorbereitungszeit hat man viel Gelegenheit, zu warten, zu reisen, zu streunen… Diese Zeit scheint für Außenstehende immer wie „Freizeit“. Ja, das ist sie, man hat frei, produziert auf dem Instrument keine Töne, aber sie ist auch Zeit, die man für sein Musiker-Innenleben unbedingt braucht. Zeit, in der die inneren Töne eingeordnet werden müssen, wo sie schwingen lernen müssen. Je älter ich werde, umso mehr brauche ich diese Zwischenzeiten, um Zusammenhänge, die sich in der musikalischen Arbeit jeden Tag ergeben, zu verstehen. Natürlich kann man Musik spielen, Töne produzieren, das ist vielleicht auch gar nicht schlecht, aber mir reicht das nicht.

Im Familienleben des Wochenendes war ich abkömmlich, jeder hatte seine eigenen Vorhaben, am Samstag frühmorgens war ohnehin noch Probe in Leipzig, danach war Zwischenzeit bis späten Sonntagnachmittag. Rein logistisch gesehen wären mit Stopp zu Hause viele Kilometer abzufahren, eine Abkürzung dieser Wege war also Option einerseits und Chance auf eine schöne #Meinzeit andererseits und so entschloss ich mich spontan zu einem Weimarbesuch mit viel Alleinsamkeit. Die Hotelzimmer waren spärlich zu finden, das machte mich etwas stutzig, aber etwas außerhalb der Stadt fand ich dann einen wunderbaren Rückzugsort (später wusste ich, dass viele Läufer in der Stadt waren, die am Sonntag den Bauhaus100Marathon laufen wollten).

Weimar. Schon oft war ich da. Zu Konzerten war ich mit dem Orchester meist in der Weimar-Halle (Liszt und Wagner standen da im Vordergrund… nein, das sind nicht meine Lieblinge, aber ich halt´s aus), aber auch seit Kindheitstagen zu verschiedenen Bildungstouren (Goethe/Schiller/Klassik und natürlich war ich zu einem bedrückenden Besuch im KZ Buchenwald). Weimar war für mich bisher die beschauliche Stadt an der Ilm, ähnlich erstarrt in konservativen Haltungen wie meine eigene Heimatstadt Dresden. Nun ist Weimar in aller Munde durch das Bauhaus-Jubiläum. Dieses Thema war bisher überhaupt nicht präsent bei meinen Kindheits/Jugendbesuchen und schon gar nicht bei meinen beruflichen Besuchen. Viel las ich über das Bauhaus bereits, sah einige Filme, in Dessau war ich neulich auf Bauhaus-Stadtstreunertour. Das Bauhaus wurde ja schnell aus Weimar vertrieben, die Stadt hat sich da kein Ruhmesblatt ausgestellt. Ich war gespannt, wie sich die Stadt nun gibt.

Ich begann meine Stadtstreunerrunde am neuen Bauhaus-Museum, dessen Vorplatz noch eine Baustelle ist. Viele Menschen flanierten auf den Wegen um das neue Haus, die Meinungen, die ich erlauschte, gingen sehr weit auseinander, von „so ein häßlicher Klotz“ bis „quadratisch, praktisch, gut… eben Bauhaus“ war so ziemlich jede Schattierung dabei. Ich wollte erst einmal hinein, hatte im Vorfeld schon einiges davon gehört und war sehr neugierig… Vor dem Eingang jedoch fand ich die Nachricht auf einem Schild, dass für diesen Tag schon alles ausverkauft sei.

Ein bisschen enttäuscht schlug ich erst einmal den Weg ins Café „Kunstpause“ im Untergeschoss ein und ordnete meine Lebensgeister zu neuen Plänen. Im Nachhinein war es gar nicht so schlecht, noch nicht in die Ausstellung hineinzukommen, ich komme auf alle Fälle wieder.

In Weimar trifft man allerorten auf Bauhaus-Uni-Gebäude

Ich beschloss also, meine Wege durch den schauerartigen Weimarer Regen zu suchen und startete zu Fuß ganz grob Richtung Bauhaus-Universität. Eigentlich ist die Universität überall in Weimar, an einigen Uni-Gebäuden fällt ein bisschen der Putz ab, bei Regen wirkt manches fast trostlos. Die Gebäude stammen aus verschiedenen Zeiten, viele große Fenster offenbaren ein bisschen Innenleben. Es war leider schon fortgeschrittener Samstag-Nachmittag und so hatte ich kaum Hoffnung, noch irgendwo richtig hineinsehen zu können, aber das war weit gefehlt…

Lange stand ich am „einsamen Jüngling“, einem 1913/14 von Richard Engelmann (der damals an die Weimarer Kunstschule berufen wurde) entworfenen Denkmal. Den Sockel ziert eine Widmungsinschrift zusammen mit einer Zeile aus einem Gedicht Ernst von Wildenbruchs über Theodor Körner: „Ernst Wildenbruch zur Ehre – Ich kämpfe nicht um anzugreifen, sondern um zu verteidigen.“

Auf der einen Seite ist da der zarte Jüngling, auf der anderen Seite die etwas martialisch anmutende Inschrift in dem Denkmal. Ein Widerspruch, ein Ausdruck dieser Zeit? Ein Nebeneinander? Ein Konflikt? Wildenbruchs Werke stehen für Verherrlichung von Geschichte, Macht und Stärke männlicher Tugenden des deutschen Kaiserreichs. Engelmanns Entwurf dagegen wirkt zart, athletisch, entschlossen und doch unsicher fragend, nicht martialisch. Körner, der Freiheitskämpfer und Dichter… es bleiben mehr Fragen als Antworten, wie so oft… wie passend, dass dieses Denkmal den Übergang in eine neue Zeit, in die Zeit der Moderne in Weimar markiert und es an dieser Stelle auf meinem Weg lag.

An der ursprünglichen Bauhaus-Uni angekommen, staune ich, dass doch noch alle Türen offen stehen und sogar Besuchergruppen unterwegs sind. Also bin auch ich unterwegs in Treppenhäusern und Gängen. Wundervoll! Ich liebe es sowieso, in Universitätsgängen herumzugehen, aber durch diese Gänge zu streunen ist ein ganz besonderes Vergnügen. Hinter vielen Türen wird noch gearbeitet, Studenten mit Mappen unter dem Arm und Teetassen in der Hand wandeln jonglierend durch die Gänge und verschwinden hinter knarrenden, hohen Türen, die kurz Einblick in manchen Schaffensraum freigeben.

Skulpturen, geschwungene Treppen, hohe Fenster allerorten, in den oberen Etagen die Oberlichtsäle, die das Tageslicht ungehindert einfallen lassen.

In den Schaukästen kann man über manches Projekt nachlesen, Veranstaltungsankündigungen, Texte, Fotos, Thesen im Hof, Gärten hinter Gittern… Kreativität lugt überall hervor…

Im Hof wird geschraubt, geschweißt, geflext und über die beste, schnellste, witzigste, windschnittigste… Seifenkiste nachgedacht.

Ich schaue interessiert… nach einer Weile, es geht bereits Richtung Abend, treibt es mich aber wieder zurück zum Auto, das ich in den Straßen hinter dem Gauforum geparkt hatte.

Mein Weg führt durch die Innenstadt erst am Theater vorbei (am Abend wird „Ein Sommernachtstraum“ gespielt, irgendwie passend zum endlich regnerischen Wetter, seit Tagen war schon wieder üble Trockenheit mit teilweise sehr hoher Waldbrandgefahr und das im April! Nun endlich gibt´s Regen, ja sogar überfallartig Blitz, Donner und Hagel und dann passt es nicht zu den eigenen Plänen, egal, ich nehm es dankbar hin, denn der Regen wird echt gebraucht und träume von einer Sommernacht… 😉 Viele Leute sind unterwegs, alle jammern über den Regen, ach Mensch…

Als ich wieder durch das Viertel rings um die Weimar-Halle, mit dem neuen Bauhaus-Museum, dem Neuen Museum und dem allgegenwärtigen Monstrum Gauforum gehe, sehe ich mir die Foto-Ausstellung näher an, die große Portraitaufnahmen von Zeugen der menschenverachtenden NS-Zeit zeigt, von Zwangsarbeitern, von Juden, die in Buchenwald inhaftiert waren. Sie stehen am Weg und schauen…

…sie haben das Grauen von damals überlebt, ihre Gesichter spiegeln heute ihr langes Leben in unser heutiges Leben, es waren damals Menschen, es sind heute Menschen. Diese Menschen sind in Weimar angekommen, heute sind andere Menschen da, die zu uns kamen, viele die flüchten mussten und die manche allzugern ausschließen möchten…

Das Viertel, welches sich durch die Neubauten sehr verändert hat, bietet viel Gelegenheit, die wechselvolle Geschichte der Moderne in allen Schattierungen zu betrachten, wenn man sich darauf einlässt. Der Neubau, der auf den ersten Blick wie ein Klotz daherkommt und abweisend wirkt (nachts bunt hervorleuchtet) ist vielleicht Schutzraum, vielleicht auch Trutz gegen das Monstrum draußen, er vereint Verteidigung, Stärke und zurückgezogene Schwachheit in einem, wirkt fragil und doch stark. Er schützt eine Ausstellung, die Ideen der Moderne zeigt, die überlebt haben und weitergedacht werden wollen, die aber fragil sind, zerbrechlich wie damals. Dieser Bau birgt Besucher-Werkstätten, in denen vielleicht jedermann neue Ideen zum Leben erwecken kann, wenn man es will… Mahnen, Reflektieren und Weiterdenken ist so für alle möglich.

Diese Gedanken nahm ich mit in den Abend. Ich war an einem Rückzugsort voll Ruhe und Entspannung… erholt nahm ich mir am Sonntag noch eine zweite Stadtstreunerrunde vor, dazu sicher demnächst einen weiteren Artikel.

5 Kommentare zu „Zwischenzeit in Weimar – Teil 1

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  1. wow ist das lang 😉 – solche ‚zwischenzeiten‘ sind mir immer ein graus – ich will immer alles hintereinander fertig haben… aber diese hier ist ja wie zwei arbeitstage – da isses schon wieder schön 😉 – und du hast die zwit ja wirklich hervorragend genutzt – ganz mein geschmack! danke fürs mitnehmen! weimar wird wohl dieses jahr unser weihnachtsrückzugsort werden!

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