Zwischenzeit in Weimar – Teil 2

Nach einer feinen, abendlichen „Meinzeit“ und einem guten Frühstück startete ich in den zweiten Teil meiner Stadtstreuner-Zwischenzeit in Weimar.

Einen genauen Plan hatte ich nicht, ich wusste nur, dass ich beim Haus Am Horn und im Familienidyll der van de Veldes vorbeischauen wollte. Auf der Fahrt in die Stadt wunderte ich mich etwas über die vielen Polizeiautos und Umleitungs-Schilder, aber ich parkte mein Auto in einer Nebenstraße und ging die letzte Strecke zu Fuß zum Haus Am Horn…

Als ich dem Ziel näher kam, begegneten mir die ersten Läufer und mir ging ein Licht auf. Als ich mich erkundigte, um was für einen Lauf es sich denn handelt, erfuhr ich, dass es der 100Jahre-Bauhaus-Marathon ist. Ich näherte mich auf dem Wiesenrand dem Haus, das oben auf einem Hügel liegt, die Laufstrecke führte natürlich direkt dort vorbei.

Erstaunlich viele Läufer standen im Garten des Hauses und bekamen etwas erklärt, anhand von Grundrissen wurde etwas über das Leben im Haus erzählt, auch wenn die Tür verschlossen blieb, denn die Ausstellung im Haus öffnet erst ab 18.5.2019. Ich erfuhr, das die Marathoni an den Bauhaus-Stationen an der Marathon-Strecke sogenannte „Kulturauszeiten“ nehmen konnten, d.h. sie laufen über die Zeitmessungsmatten, die Zeit wird angehalten und sie können schauen und später ohne Zeitverlust weiterlaufen. Prima Idee!

Ganz nebenbei: Die Streckenabschnitte am Haus Am Horn waren sehr idyllisch, aber tückisch mit kleinen giftigen Weimarer Steigungen, ich hätte dort aufgegeben, sowohl bergauf als auch bergab, aber ich war ja auch nicht zum Laufen da. Puh!

Ich war nun sehr dankbar, das Fahrrad im Kofferraum mitgenommen zu haben, denn viele Übergänge und Straßen waren gesperrt. Also rauf aufs Rad und los…

So konnte ich an den Sperrungen schnell hindurchschlüpfen und weiter zum Haus Hohe Pappeln radeln. Das Auto ließ ich stehen. Natürlich führte auch an diesem Haus die Laufstrecke vorbei und wieder konnten die Läufer zum Hausbesuch eine „Kulturauszeit“ nehmen, was auch viele dankbar annahmen. Ich war noch nie mit gerade im Wettkampf aktiven Sportlern in einem Museum! Eine wunderbare Art, sportliche (Freizeit)Ambitionen, die sicher die meisten der „Auszeitler“ dort pflegten, mit Kultur zu verbinden. ❤

Das Haus Hohe Pappeln liegt etwas am Hang und unten bei der Gartenpforte gibt es ein kleines Rondell, das war früher sicher sehr praktisch, Kutschen konnten direkt vor dem Eingang halten oder vielleicht auch schon Autos?

Am Eingang bekam jeder einen Audioführer, mit dem man in seinem eigenen Tempo in Haus und Garten herumgehen konnte und ausgiebig schauen konnte. Zuerst ging es wieder hinaus in den Garten, am Rondell begann die Audioführung. Das Haus lag damals noch außerhalb der Stadt oder zumindest ganz am Rand, da kam man oft mit der Kutsche an. Eine wesentliche Brücke zur Weimarer Welt. Das Haus selbst wirkt so ganz anders als das andere Weimar, ich kann mir denken, dass das einigen nicht gefiel und die van de Veldes bewusst diesen Ort am Rand gesucht hatten.

1907/08 ließ van de Velde dieses Haus nach eigenen Plänen für seine Familie bauen, die Mietwohnung in einem der Jugendstilhäuser der Cranachstraße war für die Familie zu klein.

Schon im Garten erhält man einen Eindruck von großartig durchdachten Wegedetails. Jeder Fassadenseite ist ein Gartenteil zugeteilt, alle hatten verschiedene Bestimmungen. Ein Ziergarten mit Wegen und einer Sitzecke, ein Nutzgarten, aus dem sich mit frischem Obst und Gemüse versorgt wurde und ein Garten zum Spielen und Erholen, der Außen-Lebensbereich der Familie. Das Haus selbst liegt wie ein Schiff im Hafen in diesem Grundstück.

Die vordere Seite gleich hinter dem Rondell und direkt vor den großen Fenstern des Salons ist ein Ziergarten mit Obstbäumen, die gerade in Blüte standen, mit Wegen zum Flanieren, ideal, wenn man Besuch hinter das Haus auf die Terrasse führen möchte, die an der Schmalseite des Hauses liegt. Am Haus selbst ist eine Pergola, an der Kletterpflanzen emporranken.

Unten am Rand der Terrasse steht ein Wasserspiel mit dem „knienden Jüngling“ von George Minne. Im Wasserbecken ist eine Sitzbank für zwei… an heißen Tagen… ach, man kommt sofort ins Träumen.

Ich genoss auf der Terrasse die an diesem Tag versteckspielende Sonne, die gerade zu dieser Zeit durch die Äste blinzelte und lustwandelte ein bisschen durch den Garten, fotografierte und ließ es mir einfach gut gehen.

In diesem Garten kann man sich wirklich wohlfühlen.

Wenn man später die L-förmige Treppe hinaufgeht und in den kleinen Windfang eintritt, wird man von einer warmen rötlichen Holzvertäfelung empfangen, die sich noch in der Diele fortsetzt.

Auffallend sind die kleinen Lüftungssiebe. Die Familie hatte es eilig beim Einzug, wohnte das Haus regelrecht trocken. Der Vater litt in den Wohnungen zuvor stark unter dem Lärm, den seine fünf Kinder zwangsläufig in einer normalen Wohnung erzeugten. Er dachte sogar daran, seine Arbeit in Weimar aufzugeben, nach Südfrankreich zu ziehen und nur noch zu malen, vielleicht spürte er in diesen hochherrschaftlichen Jugendstilhäusern auch schon fremdenfeindliche Tendenzen, denn dort wohnten alteingesessene bürgerliche Familien.

Der Hauptgrund wird zu dieser Zeit aber das Familienleben gewesen sein, seine Kinder sollen ausgesprochen lebhaft gewesen sein und das Ehepaar legte Wert auf eine sehr freie Erziehung, in den ersten Jahren fand der Schulunterricht zu Hause statt, weil die Schule nach Ansicht der Eltern die Kinder in ihrer Entwicklung zu sehr einschränkte. Die drei Töchter besuchten ab 1907 eine reformpädagogische Schule bei Saalfeld, die Freie Schulgemeinde Wickersdorf, während die Zwillinge, die erst 1904 geboren waren, zu Hause blieben. Es war also immer lebhaftes Treiben im Hause van de Velde.

Deshalb gab es in seinem neu entworfenen Haus ein extra Treppenhaus, in dem seine Kinder und das Personal unbemerkt aus den Wohnräumen in den oberen Etagen in den Garten gelangen konnten und auch ein Aufzug für Speisen und anderes in der Wand eingelassen war.

Im Keller befand sich eine Gartentür, die Treppe ist mit einem Glasdach überdacht, Licht fällt ein, dort kann man ganz bequem das Schuhwerk wechseln. Großzügige Kellerräume (vermutlich die Waschküche) liegt gleich daneben. Wunderbar durchdacht (da schlägt mein Hausbesitzer- und Mutterherz gleich ganz freudig)!

Zurück in die Beletage, nach der Diele kommt man in eine Art Treppenfoyer. Unter der Treppe eine Sitzgruppe am Fenster mit Blick in den Teil des Gartens, in dem die Kinder genügend Freiraum für Spiel und Spaß hatten.

Gleich dahinter der Salon, der Mittelpunkt des Hauses, mit Flügel, der Bereich von Maria van de Velde. Sie konnte sehr gut Klavier spielen, im Salon fanden neben Lesungen auch musikalische Soiréen statt. Rechts daneben die Schiebetür zum Speisezimmer und links eine weitere Schiebetür zum Arbeitszimmer Henry van de Veldes.

Er konnte im stillsten Teil des Hauses einfach die Schiebetür schließen und in Ruhe arbeiten. Das Treppenhaus für die Kinder war auf der anderen Seite des Hauses.

Er war nahezu ungestört, hatte einen wundervollen Blick von seinem Stehpult aus in den Ziergarten und bekam auch am Schreibtisch sofort mit, wenn draußen Besuch vorfuhr. Die in den letzten Jahren nachgebauten Einbaumöbel haben Ausziehbretter für größere Pläne, ein Kamin stand in der Ecke. In diesem Haus ist an alle und alles gedacht. Wundervoll!

Nachdem ich noch einer kleinen Improvisation gelauscht habe (im Salon saß eine Akkordeonistin, im Arbeitszimmer eine Gitarristin, in der Diele ein Keyboard und improvisierten über kurze Motive miteinander) setzte ich meinen Fahrradweg fort.

Die Zeit ließ es zu, das Wetter auch, ich wollte noch in die Cranachstraße, dorthin, wo die Familie vorher gewohnt hat. Mit dem Fahrrad war das ja kein Problem. Unterwegs hatte ich noch viel Gelegenheit, Läufer anzufeuern, die nun in Richtung Bauhaus-Universität unterwegs waren.

In die Häuser an der Cranachstraße konnte man leider nicht hineinsehen, aber auch die Fassaden waren eindrucksvoll. Ich weiß nicht, in welchem Haus die Familie van de Velde wohnte, es gibt ein ganzes Ensemble von Häusern in unterschiedlichen Sanierungszuständen, aber ich kann mir vorstellen, dass auch schon damals eine Familie mit fünf lebhaften Kindern für Zündstoff in ehrenwerten Häusern sorgte.

So manchen Gartenlustblick erhaschte ich am Weg, an der Bauhaus-Uni und den Läufern vorbei radelte ich in den Park an der Ilm und zu meinem Auto zurück, auf dem Weg begegneten mir wieder altbekannte Fotomotive…

Es hieß also langsam zurück aus der Zwischenzeit kommen, zurück auf altbekannte Wege, zurück in den Alltag.

Der Diensttermin in Erfurt rückte heran, ich sehnte mich vor Anspielprobe und Konzert noch nach einer entspannten Kaffeepause gleich in der Nähe des Konzertortes. Die restlichen Kilometer also noch schnell gefahren.

Das Konzert war schön, Bach und Mahlers Erste spielten wir. In Bachs Es-Dur-Präludium und Fuge (von Schönberg bearbeitet) spielen wir alle zusammen wie eine Orgel, ich darin nur eine ganz kleine Pfeife. Dieses Präludium Es-Dur habe ich oft neben Organisten verbracht, um Register zu ziehen. In einem Orchester zu sitzen und wir selbst sind die Register, ist noch einmal etwas ganz anderes. Jeder an seinem Platz nimmt etwas anderes wahr. Wie in der Architektur gibt es immer wieder die gleichen Baumittel und viele kleine Teile, die alle zusammen etwas Ganzes, Neues ergeben. Alt und neu finden wieder auf andere Art zusammen, Details werden anders betont, es klingt gleich und doch anders. Mahler mit all seinen Kämpfen um seine Musik, seinen inneren Konflikten, ist sowieso immer etwas ganz Besonderes. Auch er fand einen unverwechselbaren Weg, der immer Fragen offen lässt. An diesem Abend schwingen die Töne in meinem Inneren…

P.S.: Als ich nachts nach dem Konzert wieder zu Hause ankam und die Nachrichten von dem Massencrash in einem Hagelschauer hörte, war ich sehr dankbar, dass mich die allergrößten Wetterkapriolen nicht erwischten oder zumindest nur in Situationen, die beherrschbar waren. Eine wunderbare Zeit, die noch lange nachschwingen wird.

4 Kommentare zu „Zwischenzeit in Weimar – Teil 2

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