Mein Weg ins Netz

Ja, wie war das eigentlich… angeregt durch einige Diskussionen auf Twitter, von den Kulturfritzen „angezettelt“, bin auch ich ins Erinnern gekommen. Danke! Da ist ziemlich viel verschütt…

Mein erster Kontakt mit „dem Netz“… ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, aber es war kurz nach der Wende. Der Vater von meinem ersten, festen Freund erzählte immer von dem „Riesenrechner“ der TU Dresden. Ein riesiger Raum, ja ein Haus war das wohl, es hörte sich immer sehr kompliziert an, aber auch sehr faszinierend, was dieses Monstrum bereits damals alles errechnen konnte. Dieses Papier mit den vielen Löchern am Rand war in der Familie allgegenwärtig, es fiel massenhaft an und wurde für vieles verwendet. Für einen normalen Mensch waren diese Computer und ihre Geschichten jedoch böhmische Dörfer (sagt man bei uns für etwas, was sehr weit hinter dem Wald liegt und was außerhalb des eigenen Radius liegt). Und mit „Netz“ hatte das nichts zu tun. Für mich als Musikstudentin war es nicht vorstellbar, jemals mit derlei Dingen näher in Berührung zu kommen.

Und dann ging alles doch sehr schnell. Ich musste 1994/95 meine Diplomarbeit schreiben. Mein Bruder meinte: „Komm, wir bauen dir einen Computer zusammen.“ und ich so: „Ähm, ein Haus?“ und er lachte so: „Nö, ich helf dir, die Dinger sind jetzt viel kleiner und gar nicht so kompliziert. Ich hab einen Freund, der macht dir das.“ So ging´s los. Technische Daten weiß ich bis heute nicht, aber ich lernte ihn für meine Zwecke zu benutzen. Learning by Doing! Das war schon immer meine Devise. Klar, macht man viele Fehler! Und was für welche! Da ich zwischen zwei Städten hin- und herpendelte (ich hatte bereits eine Anstellung in Leipzig und machte das letzte Studienjahr in Dresden samt Diplomarbeit im Fernstudium wie auch später das Konzertdiplom, aber das war dann nicht mehr so kompliziert und fast ohne Computerzeugs) musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich meine Arbeit immer mit hin- und hernahm. Ein Leipziger Freund hatte einen Computer, den ich bei kurzen Aufenthalten nutzen durfte, da lag die Lösung nahe, dass ich alles (!) auf Disketten speicherte und immer auf diese Weise hin- und hertransportierte. Heute unvorstellbar, was da hätte verloren gehen können, ich hätte vor dem Nichts gestanden. Aber eine andere Möglichkeit gab es nicht, von wegen Cloud. Noch nicht einmal recherchieren konnte man. Ich saß stundenlang in Archiven und wälzte Material ohne viel über den Studenten Rudolf Mauersberger (der 1971 verstorbene Kreuzkantor, um dessen Studentenzeit in Leipzig – kurz vor und kurz nach dem ersten Weltkrieg – sich meine Arbeit drehte) zu finden (wenn ich mir heute vorstelle, was man über die heutigen Studenten im Netz findet… aber das ist ein anderes Thema). Am Ende habe ich alles knapp geschafft ohne größere Verluste. Die Disketten blieben glücklicherweise heil und gingen nicht verloren.

Das Beste an dieser Sache war: Ich lernte ganz nebenbei sehr viel im Umgang mit Computern und mein Interesse war geweckt. Das hätte ich sonst niemals gelernt, denn in dieser Zeit war so viel zu lernen, meine erste Zeit im Orchester, das Beenden des künstlerischen Studiums, wie geht alles weiter, der Freund trennte sich von mir oder ich von ihm… kurz: es war ein einziges stressiges Durcheinander. Ringsum war es nicht anders, Betriebe wurden geschlossen, viele Leute mussten umschulen, Computerlehrgänge machen, denn die neue Technik hielt überall Einzug. Für uns im Osten war das alles neu in diesen Jahren des Umbruchs. Viele stöhnten, denn sie hatten nicht die Chance wie ich, es bei etwas zu lernen, was sie gern taten. Viele standen vor der schweren Aufgabe, irgendwie ihr Leben wieder neu auszurichten. Computerfähigkeiten zu lernen, stand da für viele nicht an erster Stelle.

Das Studium wurde abgeschlossen, das Konzertdiplom gemacht, das Leben im Orchester leichter, ich war angekommen. An einen Telefonanschluss in Leipzig war nicht zu denken. Trotz Bescheinigung, dass bei uns Rufbereitschaft besteht, dauerte es mehr als ein Jahr, dass ich in meiner Wohnung einen Anschluss bekam. Was tun? Die ersten Handys kamen auf den Markt. Aus der Not heraus erwarb ich eines für ePlus mit ausziehbarer Antenne und Ersatzakku in Ziegelsteingröße, leicht übertrieben. 😉 Wenn man nicht telefonierte, hielt das kleine 4 Stunden, das große 6 Stunden und Netz hatte ich an der Balkontür! Unterwegs war es Glückssache, meist gab es kein Netz. Der Orchesterinspektor war begeistert, er konnte mich überall erreichen… muahaha.. Öhm. Mit Ladegerät hatte man allerhand Gepäck und wenn man dann doch nicht erreichbar war, kamen Fragen. So hielt diese Welt des „Immererreichbarseins“ und den damit einhergehenden Vorwürfen also Einzug in mein Leben. Das Netz selbst war da noch weit weg.

Und dann ging es doch relativ schnell richtig ins Netz. Ich lernte den Liebsten kennen, er „machte was mit Computern“, wir zogen in Dresden zusammen und schon bald pendelte ich dauerhaft. Mit dem gemeinsamen Telefonanschluss kam auch das Internet, er brauchte für seine Firma Rufbereitschaft und eine Einwahlmöglichkeit. Fortan ging nur telefonieren oder Internet, das nervte. Wir drängten darauf, dass wir ISDN mit zwei Nummern bekamen, die ersten Leitungen wurden verlegt, Anschlüsse wurden realisiert und das Problem war geklärt. Der neue Briefkasten im Arbeitszimmer (die E-Mail) wurde immer wichtiger, viele meiner Freunde lernten schnell dazu (einige Kollegen haben allerdings bis heute keine E-Mail, sie auf dem Laufenden zu halten ist mühsam), seine Freunde kannten sich sowieso meist damit aus. Mein Netzwerk an Computer- und Netzfachmännern und -frauen weitete sich enorm aus und ich lernte viel. Meist aber doch „Learning by Doing“.

Noten schreiben, Noten austauschen war plötzlich so einfach, was hat mein Großvater mühsam mit der Hand geschrieben… wir schicken Partituren, Stimmen ect. hin und her und sind ruckzuck musizierbereit. Ein Segen, dieses Netz!

Dann hieß es eines Tages (man „surfte“ mehr und mehr im Internet und viele Institutionen waren nun auch dort erreichbar und vieles Wissenswertes fand man da) erzählte uns jemand: „Meldet euch mal bei Twitter an, das ist flott. Da bist du ruckzuck informiert, entdeckst vieles und sowieso machen das immer mehr Leute. Das ist DIE Zukunft.“ Von Facebook hatten wir vorher schon viel gehört, fanden das aber nicht so prickelnd. Twitter, Informationen, Neues entdecken… da waren wir dabei. Wir lasen also dort mit, versuchten zu verstehen, wie das mit der Timeline funktioniert, Kurznachrichten… der Liebste liest bis heute ausschließlich, hinterlässt aber nie etwas. Ich habe mich entschlossen, es zu verschiedensten Zwecken zu nutzen, Information, Austausch, Neues entdecken, Nachdenkliches, Poetisches und obendrein mein Lieblingskulturnetzwerk. Zu Facebook unternahm ich auch zwei längere Ausflüge, löschte mich aber zweimal, es ist einfach nichts für mich, ich kann dem Ganzen nichts abgewinnen und mich stört, dass dort so viel abgegriffen wird und ich weiß nicht, was damit passiert. Instagram als Teil von FB ist mir aber so lieb geworden, dass ich dort blieb. Es entwickelt sich dort erstaunlich viel „Kultur to go“ für Vorbeigehende. Ich schaue immer gern hinein und entdecke manches. Twitter bleibt aber mein Lieblingsvernetzdings. Ich mag kurzes und prägnantes Hinführen, auch wenn ich dann gern ausführlicher lese.

Leider ist es so, dass viele in meinem Umfeld das Tempo des Einzughaltens von Computer, Netz & Co nicht mithalten konnten. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich im Netz zu vernetzen und dieses Netz für gute Dinge zu nutzen. Damit stehe ich aber oft allein. Es ist überwiegend so, dass Offline-Infos und persönlicher Kontakt gefragt sind. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich liebe es auch, sich zu treffen (für Musiker ergibt sich allerdings das Problem, dass alle Zeit haben, wenn wir arbeiten und andersherum genauso). Und dennoch: Wie viel weiter ist meine Welt durch das Netz geworden. Aber, wie oft höre ich: „Das ist doch alles nicht real, diese Social Netzdings mache ich nicht. Wer weiß schon, mit wem man es da zu tun bekommt.“ Da kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Wieviele nette Begegnungen hatte ich, seit ich in diesen Netzwerken unterwegs bin? Ich kann es nicht mehr zählen. Einfach mal nur danke an all die da draußen, die ich kennenlernen durfte und an die, die ich vielleicht noch kennenlernen darf.

Das Vernetzen von Online und Offline ist wohl derzeit die größte Herausforderung für uns alle. Es gibt zu viele, die da abgehängt sind. Wenn ich mich mit Twitterern treffe, dann knüpfe ich nach kurzen Begrüßungsworten sofort im Gespräch dort an, was uns gerade im Netz beschäftigte, was es für weiterbringende Ideen gibt und es entspinnt sich meist ein langes Gespräch. Wenn ich mich mit Offline-Leuten treffe, verläuft das Gespräch meist anders, das „Abklopfen“ dauert viel länger, man hat sich vielleicht lange nicht gesehen, weiß nichts übereinander, es wird sehr viel gemeckert, über Vergangenes definiert sich oft das Gespräch, über das, was einen einst verband, obwohl man sich längst weiterentwickelte, weiterbringende Ideen kommen, wenn überhaupt, erst am Ende auf. Das ist schade.

Wir sollten offline mehr erzählen, was uns durch das Netz verbinden könnte, was das Netz für uns ist, wie jeder hineingekommen ist und was man da findet oder was man befürchtet, welche guten und schlechten Erfahrungen man machte. Ich kann nur sagen, dass das Netz für mich eine der besten Erweiterungen in die Welt ist. Ja, mir begegnet dort manchmal Hass und Hetze. Ich melde das, blockiere aber eher wenig. Es gehört für mich zu meinem Verständnis von Offenheit dazu, dass ich Hass und Hetze begegne. Entweder durch direkten Dialog (nur, wenn ich denke, es kommt auch an) oder durch „liegenlassen“ oder durch konsequent weiterreden. Ansonsten orientiere ich mich an den Dingen, die mich weiterbringen und die eine positive Entwicklung für mein Umfeld erwarten lassen. Diese Dinge unterstütze ich und bringe mich da auch gern ein. Wie war das? Das Netz ist das, was wir daraus machen. Wir sollten das aber auch offline sagen, damit mehr dazukommen und wirklich etwas Gutes daraus machen.

3 Kommentare zu „Mein Weg ins Netz

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    1. 😂 …nein, meine Arbeit gibt es nicht im Netz. Das war damals noch nicht üblich. Ich weiß auch gar nicht, ob ich die Dateien noch habe nach so vielen Rechnerumzügen. 🤔 Ich habe ganz oldschool ein gedrucktes Exemplar, in der Hochschulbibliothek der Dresdner Musikhochschule liegt sicher auch noch eins. 😅

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