Sich selbst ein Bild machen

Warum es wichtig ist, sich selbst ein Bild zu machen, wird in diesen Tagen wichtiger denn je, will mir scheinen. Eigentlich wollte ich keinen Blogbeitrag zu meinem kurzen Besuch im Erzgebirge, dem frisch gekürten Welterbe, schreiben, doch dann lief mir gestern dieser Tweet von @JuliaSinglesias über den Weg…

…ja, es ist wichtig, sich selbst ein Bild zu machen (…mach ich mir ja oft). Ich bin gern in vielen Gegenden meines Heimatbundeslandes Sachsen unterwegs (meist berufsbedingt etwas in Eile und sehr punktuell, aber ich versuche, mir Zeit zu nehmen). Ich schaue mich um, vergleiche Berichte, die ich gern in verschiedensten Medien (on- und offline) verfolge. Vor ein paar Tagen war ich im Erzgebirge, nicht lang, aber immerhin für drei Übernachtungen und fast vier zum Teil sehr verregnete Tage. Wie wichtig es nicht nur für uns Sachsen ist, zu verweilen und einzutauchen, merkt man an Reaktionen auf solche Tweets wie oben. Nicht nur eine Antwort auf ihn belief sich darauf, dass es doch richtig guttut, solche Tweets zu lesen. Ich kann nur alle ermuntern, sich immer wieder vor Ort selbst ein Bild zu machen und zwar nicht mit der „vom-Twittertimelinelesen-vorgezeichneten“ Braunbrille. Ich möchte diese wirklich ekelhaft „braunen“ Probleme Sachsens nicht klein- oder gar wegreden, nein, aber es gibt noch mehr zu sehen… gerade weil das meist nicht im Internet steht. 😉

Auch wenn´s auf dem Bild nicht so aussieht (immerhin weht da die kanadische Flagge): Wir waren tief im Erzgebirge, in Pobershau, einem Bergdorf mit einer Rats- und einer Amtsseite, wie es zu diesen beiden Seiten kam, steht da.

Unsere Unterkunft (nicht im Bild) war auf der Amtsseite, aber im „Hinteren Grund“, also ziemlich abseits vom Hauptdorf. So wollten wir es. Bei der Ankunft am ersten Nachmittag drehten wir eine kleine Runde um die wenigen Häuschen, fotografierten und trafen zwei Mädels der Dorfjugend mit bunten Haaren, die uns (auch drei Mädels – mich mal ganz salopp mit eingerechnet) erstaunt anschauten, waren wir doch mit zwei Kameras und Handyfotoknipse unterwegs und hielten einige Male „drauf“. „Was gibts´n hier schon zu knipsen…“ erlauschten wir. Ach, eine ganze Menge… wir hätten es ihnen gern noch gesagt und sie gefragt, was sie hier in der Gegend empfehlen könnten, aber sie verschwanden schnell hinter dem nächsten Häuschen. Auf Instagram hatten wir ein paar schöne Bilder der Gegend gefunden (ja, es gibt auch hier ein paar Liebhaber, die gern ihre Heimat zeigen), viel Natur war da zu sehen und sie ist hier auch ganz wundervoll.

Wir wanderten an zwei Tagen, uns begegnete kaum jemand und wenn, waren es Touristen, die sich auch nicht auskannten. Wunderbare Pfade waren das…

Am ersten Wandertag blieben wir auf halber Höhe (wir hatten hochbetagte Wanderer unter uns und hatten etwas zu feiern, wollten relativ eben dahinwandern) am Grünen Graben, einem Kunstgraben und technischen Baudenkmal der sächsischen Bergbaugeschichte, der bereits in den Jahren 1678 bis 1680 angelegt wurde, um 16 Pochwerke mit Aufschlagwasser zu versorgen. 

Am zweiten, sehr nassen Wandertag liefen wir unten am Schwarzwasser oder auch der schwarzen Pockau entlang bis zur Teufelsmauer und stiegen dann zum Grünen Graben hinauf, der an diesem Tag fast in den Wolken war. Oben angekommen, hörte es auf zu regnen und die aufsteigenden Nebelschwaden zauberten eine besondere Stimmung.

Nass wie wir waren, gönnten wir uns im Thermalbad einen feinen Bade- und Saunanachmittag. Wie wundervoll kann doch so ein zufällig entdecktes „Nebenprodukt“ beim Bergbau sein!

Was leider auch zu sehen ist (wie oft in Sachsen): Auf der Hinfahrt kamen wir an einzelnen deutlich zu erkennenden „Patriotenhäusern“ vorbei. Sie sind oft durch hohe Fahnenstangen mit der Deutschlandfahne zu erkennen (was ja erstmal nicht schlimm ist), an den Zäunen prangen dann aber meist unübersehbar diverse Botschaften und Banner, die meist „Gegen-irgendwas-Probleme“ thematisieren. Die Grundstücke selbst sind oft sehr ungepflegt nüchtern. Naja, irgendwie unsympathisch. Aber zum Glück waren diese Grundstücke sehr selten. Allerdings: Hinter viele Fenster konnte man nicht blicken… die Wahlprognosen sprechen aber eine deutliche Sprache. Die Angst vor „irgendwas“ scheint hier trotz Reiselust sehr ausgeprägt (ich vermute es nicht nur, ich weiß es auch durch Erzählungen meiner im Erzgebirge geborenen Mutter). Schade, alles scheint in sehr kleinen Räumen gefangen…

Problematisch empfand ich, dass man generell sehr wenige Menschen traf. Manch Tourist war unterwegs, ja, wie immer. Einige alte Menschen gingen ihres Wegs. Junge Menschen traf man selten und wenn, gingen sie schnell weiter, wie die beiden Mädchen, die wir am ersten Nachmittag trafen. Es mag auch dem Wetter geschuldet gewesen sein, es war zum Teil sehr ungemütlich. In manchen Gärten sah man in Regenpausen Leut´, wie das dort so heißt, sie „schafften“, waren fleißig beim Hecke schneiden, Rasen mähen oder Unkraut zupfen… die Gärten sehen fast ausnahmslos alle sehr liebevoll gepflegt aus. Kleine, gemütliche Sitzecken sieht man fast überall.

Und viele andere tolle Sachen sieht man auch:

Da sind zum Beispiel die wundervollen Bergstadtkirchen. Diesmal besuchten wir „nur“ die „kleinste“ der drei „Erzgebirgsdome“, die Kirche in Marienberg. Die Farbigkeit dieser Kirchen fand ich schon immer toll!

Oder am Weg stand das kleine Häuschen des Drechslers (stellvertretend für so viele kleine Werkstatthäuschen, die oft liebevoll hergerichtete Fenster haben.

…oder da ist auch die Schnitzerausstellung, die davon zeugt, dass ein Mensch im Leben viel erlebt und sich weiterentwickelt, wie z.Bsp. vom „an den Endsieg glaubend“ Kämpfenden bis zum Erschaffer einer ständigen und einer reisenden Ausstellung von Holzskulpturen, die jüdische Kinder, Frauen und Männer zeigt, in ihren Gesichtern die Schrecken des Holocaust. Leider war sie gerade geschlossen, wir kommen aber wieder.

…oder wir waren im Waldhufendorf Mauersberg, dem Geburtsort der beiden Mauersberger-Brüder (Kreuz- und Thomaskantoren). Dort erfuhren wir zum einen etwas über die Entstehung des Waldhufendorfes, das fränkische Siedler anlegten, wie auch etwas über den Umgang mit dem Geld, das Rudolf Mauersberger zusammen mit dem Nationalpreis der DDR erhielt und von dem er die Kreuzkapelle auf dem Friedhof errichten ließ. Die Kapelle ist der bereits 1889 abgerissenen Wehrkirche des Ortes nachempfunden, die Originalglocke von 1571 läutet nun da.

Mauersberg ist ein Ortsteil von Großrückerswalde. Die Wehrkirche des Haupt-Ortes Großrückerswalde ist noch erhalten und zeigt, wie sich die Dorfleute in kriegerischen Zeiten zur Wehr setzen konnten. Dicke Mauern und Schießscharten im Dach zeugen davon. Das Pestbild von 1583 unter der Empore ist wohl eine der ältesten Darstellungen eines Dorfes in Sachsen überhaupt und sowohl kunst- als auch kulturgeschichtlich hochinteressant.

Das Leben war und ist sicher nicht einfach in den Erzgebirgsdörfern mit weit verstreuten Dorfteilen oder langgezogenen Waldhufendörfern. Das Hotel, in dem wir abstiegen, war mit Bus und Bahn kaum zu erreichen, die nächste Bushaltestelle 2,5 km entfernt, der Bus verkehrt selten. Netz von unserem Netzbetreiber war kaum vorhanden, WLAN gab es (nicht immer reibungslos). Im Hotel stand ein Schildchen: „Wir möchten Sie höflich darauf hinweisen, dass unser Leitungswasser nicht als Trinkwasser geeignet ist. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Darauf angesprochen, wurde fast ängstlich reagiert und gesagt, dass es Legionellenverdacht gebe, man im Haus eine chemische Wasseraufbereitung habe und man das Wasser deshalb nicht trinken solle. Auf meine Antwort hin, dass wir damit Zähne putzen und der Kaffee sicher damit gekocht ist, kam nur Achselzucken. Die Leute waren freundlich, sehr freundlich sogar, hervorragende Küche, aber man spürte immerzu die Ängstlichkeit, vielleicht etwas falsch zu machen. Fragen ging man gern aus dem Weg. Ich beobachte so etwas oft…

Nach all den Begegnungen kann ich nur sagen: Dort (und auch sonst in Sachsen) leben viele fleißige Leute, es klappt nicht alles reibungslos und es liegen viele Steine im Weg, aber den meisten geht es gut. Seit vielen Jahren wird sich gemüht und doch ist es mühsam, Erfolg zu haben. Viele äußere Mauern der Vergangenheit sind eingerissen, sie stehen nun aber in den Köpfen, viel Unaufgearbeitetes ist unausgesprochen, einiges wird nun sichtbar. Schnell wird die Schuld bei anderen gesucht. Viele fühlen sich alleingelassen. Dabei liegt es doch oft daran, dass es nicht angesprochen wird oder dass hinter vorgezogenen Gardinen einfach schön losgejammert wird. Neulich war wohl wieder mal „hoher Besuch“ da (hier kann man´s nachlesen), der im Vorfeld im Netz arg beschimpft wurde, ´s Karzl, die legendäre Marken- und schon fast Kultfigur einer Räucherkerzchenfirma, kommentierte den Shitstorm so: „S‘ Karzl hat gehofft, dass die Leit‘, die in ner Geg’nd laab’n, die nun zen Welterbe gehärt, weltoffener un‘ toleranter sei. Un när rumschimpf’n bringt ah nischt.“ Recht so! Den Hetzern hat´s nichts gebracht, aber der Räucherkerzchenfirma und dem Erzgebirge. ¯\_(ツ)_/¯

Die Tage und auch der Tweet oben als Auslöser dieses Artikels haben mir wieder gezeigt: Erzählt mehr über das Erzgebirge, über Sachsen, es gibt so viel zu sehen und so viel Schönes zu berichten! Ihr müsst es nur tun… online und offline… ja, auch die, die dort wohnen und sich dem Netz nicht stellen wollen! Denkt nicht, es ist nichts wert! Denkt nicht, es ändert sich sowieso nichts und denkt vor allem auch nicht, irgendwelche braunen Typen werden´s schon richten, das ist schon einmal schiefgegangen… macht euch selbst ein Bild und schickt es um die Welt! Lernt, mit „dem Netz“ umzugehen, bemüht euch um Zugang, schaut euch in den sozialen Netzwerken um, man findet da viel Schönes, nicht nur eure dort versammelten Dorftrottelhaufen (die sind nämlich schon längst da und hetzen, was das Zeug hält.) Staunt über das, was andere bei euch entdecken, aber bietet bitte auch den Hetzern die Stirn, zeigt, dass ihr sie kennt, dann nimmt ihnen das den Wind aus den Segeln. Das Erzgebirge (und ganz Sachsen) ist zu schön, um von ein paar wenigen Ewiggestrigen bestimmen zu lassen, wie dort gelebt werden soll. Es ist so reich an Schätzen und nun ist es gar Welterbe. Was für ein Schatz! Zieht eure Gardinen auf, schaut euer Dorf mit euren oft weitgereisten Augen neugierig an und packt eure persönlichen Bilder und Geschichten aus!

Arzgbirg, wie bist du schie!, ein Lied von Anton Günther

…ach ja, und das gemütliche Vugelbeerbaamlied´l kimmt ah vo do…

10 Kommentare zu „Sich selbst ein Bild machen

Gib deinen ab

  1. Danke für dieses Plädoyer für einen offenen Blick. Wie schnell wir doch oft mit Vorurteilen sind, ich eingeschlossen …
    Danke auch für die schönen Bilder, die eine mir unbekannte Ecke ein bisschen sichtbarer machen.

    Gefällt 2 Personen

      1. Ein schöner Satz. Ich würde noch einfügen: „zu Fuß und mit dem Herzen warst“
        Aber recht hat er …!

        (… kennst du den Roman Unterleuten von Juli Zeh, ich lese ihn gerade und er fiel mir ein, als ich deinen Artikel las.)

        Gefällt 1 Person

      2. Dazu moechte ich gerne Mark Twin zitieren:
        „Travel is fatal to prejudice, bigotry, and narrow-mindedness, and many of our people need it sorely on these accounts.“ [Mark Twain, Innocents Abroad/Roughing It].
        Dies gilt in der heutigen Zeit m.E. mehr noch weit mehr als zu Mark Twain’s Zeit.

        Gefällt 2 Personen

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