Unterwegs – 1719 und 2019

Unterwegs… das ist der Mensch wohl schon immer. Der Mensch läuft, fährt und fliegt gern um die Wette, Tempoerhöhung steckt tief drin im „Wettkampftier“. Das Tempo erhöhte sich mit der Zeit beständig, heute sind Entfernungen geschrumpft… zu welchem Preis, darüber denken viele (noch) nicht nach. Irgendwann werden wir oder unsere Nachkommen ihn zahlen müssen. Eine Ausstellungseröffnung dieser Tage (die viele Social Media Affine in einer Preview am Mittwoch, dem 28.9.19, vorab besuchen konnten) regt zum Nachdenken über das Thema „unterwegs – damals und heute“ an. Die Ausstellung „Von Prunk­gon­deln, Pracht­kut­schen und Pfer­de­äp­feln – Unterwegs zur Jahr­hun­dert­hoch­zeit 1719“ ist nun bis zum 5. April 2020 im Verkehrsmuseum Dresden zu sehen.

Unterwegs… das ist der Mensch wohl schon immer. Der Mensch läuft, fährt und fliegt gern um die Wette, Tempoerhöhung steckt tief drin im „Wettkampftier“. Das Tempo erhöhte sich mit der Zeit beständig, heute sind Entfernungen geschrumpft… zu welchem Preis, darüber denken viele (noch) nicht nach. Irgendwann werden wir oder unsere Nachkommen ihn zahlen müssen. Eine Ausstellungseröffnung dieser Tage (die viele Social Media Affine in einer Preview am Mittwoch, dem 28.9.19, vorab besuchen konnten) regt zum Nachdenken über das Thema „unterwegs – damals und heute“ an.

1719 fand in Dresden eine Riesenhochzeitsparty statt. Die Hochzeit selbst fand in Wien statt. Der säch­si­sche Kur­prin­z Friedrich August II. ehelichte die habs­bur­gi­sche Kai­ser­toch­ter Maria Josepha, nach der Ehelichung reiste das Paar mit großem Gefolge geruhsam und prunkvoll nach Dresden. Die reine Reisezeit betrug damals 9 Tage, von der Hochzeitsgesellschaft wurden unterwegs allerdings Ruhetage eingelegt und das letzte Stück ab Pirna wurde in einer Prunkgondel nach venezianischem Vorbild auf der Elbe zurückgelegt, so dass man die Reise auf 15 Tage ausdehnte. Dann folgte in der Stadt vier Wochen lang jeden Tag ein anderer Höhepunkt, ob es Pferdeballet oder Planetenfeste mit Bergmannsaufzügen, Spritztouren mit wendigen Prachteinspännern oder Gondelfahrten waren, die Ideen waren vielfältig. Prachtbauten entstanden, Dresden mauserte sich. Ohne diese Hochzeit wäre Dresden vielleicht nie das geworden, was es heute ist. Laut Ehevertrag musste die Hofhaltung katholisch sein, das Paar stiftete die Hofkirche (1751 fertiggestellt), der Zwinger wurde ausgebaut (all das zog Bauleute aus aller Herren Länder an, darunter sehr viele Italiener), im Großen Garten entstand der Palaisteich, das Taschenbergpalais wurde Wohnraum für das Paar, die strenggläubige Maria Josepha gründete mehrere wohltätige Einrichtungen, davon sind die Nachfolgeeinrichtungen z.T. heute noch aktiv. Aus der Ehe gingen 15 Kinder hervor. Dresden wuchs durch all dies…

Diese Zeit kommt uns sehr weit weg vor, auch wenn in Dresden noch heute vorwiegend davon erzählt wird. Unterwegs 1719. Barock, Barock, Barock… Wie anders ist es heute, unterwegs zu sein? Oder ist es das doch zuweilen nicht?

Ich wollte mich auf meinem Weg zur Preview etwas einstimmen und beobachtete meine Wege. Ich wählte keine schnelle Variante, nicht mit dem Fahrrad (bergab und durch die Stadt die schnellste Variante) und nicht mit dem Auto (es gibt sowieso zuviel davon in der Stadt).

Zu Fuß ging ich zur Straßenbahn, dunkle Wolken zogen auf, ein Regenschirm war schnell eingesteckt… Kurz bevor ich in die Bimmel stieg (ein komfortabler Stadtbahnwagen, wenn auch baustellenbedingt ein anderes Modell als sonst), fielen die ersten Tropfen. Die Türen schlossen sich und ein Platzregen begann, man hatte das Gefühl, die Straßenbahn schwamm den Berg hinunter in die Stadt (mit dem Fahrrad wäre ich schon baden gegangen). Doch schon als ich ausstieg, war nur noch Saunaaufgussgefühl übrig, der Platzregen war vorüber. Immerhin, beim Passieren der aktuell stattfindenden Baumaßnahmen auf der Bautzner Straße, war wenigstens der Baustellenstaub gelöscht, das Wasser floss schnell in die Kanalisation, der Alltag ging weiter.

Am Alberplatz eine Durchsage im Vorbeigehen: Eine andere Straßenbahn-Linie konnte wegen Blitzeinschlag nicht planmäßig verkehren… wie wäre das 1719 gewesen? Die Stadt war mit 20.000 Einwohnern klein, sehr klein, die junge Ehefrau und Kaisertochter war die Großstadt Wien mit 120.000 Einwohnern gewöhnt. An dieser Stelle, dem Albertplatz waren vermutlich 1719 wenig bis gar keine Menschen unterwegs, eine Straße führte nach Bautzen und bevor die erste Steigung beginnt, ist noch heute ein Pferdetränkbrunnen. Erste Hinweise auf einen Brunnen an dieser Stelle finden sich aber erst in einer Stadtverordneten-Akte vom 22. Juli 1836. Bis 1750 wurde die Neustadt als Festung ausgebaut, Barockpaläste säumten die Königsstraße, wurden aber erst bis 1733 errichtet, also standen sie 1719 wohl noch nicht. Für mich wäre die Anreise vor 300 Jahren also sehr beschwerlich gewesen.

Die Stadtfestung Dresdens um 1750 – rechtselbisch die Neue Königliche Stadt
(Kolorierter Kupferstich aus dem Jahre 1750.)
Von Matthäus Seutter – Diese Datei hat keine Quelle.
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=526990

Die Straßen, die damals natürlich nicht asphaltiert waren, wären nach dem Guss aufgeweicht und schlammig geworden. Zu Fuß (schon oft lief ich die 8 km in die Stadt aus Spaß und Langeweile) käme man wohl durchnässt und mit schlammverkrusteten Schuhen an (wenn man damals welche hatte als einfacher Mensch), Fahrräder gab es noch nicht und Pferde waren die Ausnahme. Postkutschen fuhren, aber für diese Entfernung nutzte man sie nicht. Überhaupt kamen die Menschen vom „Hochland“ wohl eher selten in die Stadt runter, der Wald lag dazwischen, reichte bis an die Elbe und nicht umsonst heißt eine Brücke „Mordgrundbrücke“ (dazu gibt es einen prominenten Kriminalfall – wenn auch von 1820). Gefährliche Zeiten waren das.

Ich näherte mich weiter zu Fuß dem Johanneum, heute Heimat des Verkehrsmuseums Dresden und zugleich Ausstellungsort von #unterwegs1719, damals auch Unterbringungsort einiger der 1000 Gäste der Jahrhunderthochzeit, sozusagen Airbnb des 18. Jhd.. Die Hauptstraße ging ich entlang, heute eine wunderbar schattige Platanenallee, moderne Wasserspiele am Albertplatz und Durchblick zum Bräutigamsvater August dem Starken, der golden zu Pferde auf seinem starren Denkmal durch die Bäume blitzt.

Ich begann eine Instagramstory und mir blinkerte ein Bild entgegen, das bei mir sofortigen „Eisappetit-Alarm“ auslöste, obwohl es um Kratzeis ging (keine Ahnung, was das ist!)… das wäre ja 1719 auch so nicht möglich gewesen! Also weder Eis noch Instagrambild mit Appetitmacher, nur heiß wär´s gewesen… 😉

Ich aß Eis und der starke August ritt unbeirrt seines Wegs…

Ich zog weiter über die Augustus-Brücke, die zur Zeit ebenfalls eine Baustelle ist und nur zu Fuß passierbar. Ich gehe gern zu Fuß, auch wenn es an diesem Tag ein sehr schweißtreibendes Vorwärtskommen war, die Schwüle hing über der aufgeheizten Stadt. Die Zeit gab aber noch einen kleinen Abstecher her zum Zwinger, in dessen Mitte die weiße Kuppel des „Zwinger Xperience Film Dome“ thront, wo man derzeit auf einer großen Leinwand das Reiterballett der vier Elemente, wie es einst den Gästen der Jahrhunderthochzeit vorgeführt wurde, audiovisuell erleben kann.

Im Zwingerhof Windstille und unerträgliche Schwüle, ich zog weiter über Taschenberg und Sporergasse auf den Jüdenhof, ein Katzensprung, 1719 von den hohen Herrschaften aber sicher nur mit Sänfte oder Kutsche bewältigt… Musiker hätten aber auch damals laufen müssen. 😉

Von Herrn Breuninger, dem Museumsdirektor, wurden wir, die 25 Teilnehmer der Preview-Tour, im Foyer begrüßt und ohne langes Aufhalten ging es zum Eyecatcher in den Lichthof.

Da stand eine Prunkkutsche (nicht die originale), die nur Kaiserkinder oder Päpste fahren durften, sozusagen dem Panoramaprunkwagen unter den Kutschen, der 2019 zeitgemäß mit acht virtuellen Pferden bestückt wurde, damit im Lichthof keine stinkenden Pferdeäpfel herumliegen…

Über den Rundgang gibt es inzwischen schon ganz wunderbare Blogbeiträge von Elbmargarita und Ulrich van Stipriaan, die ich hier und hier gern verlinke und denen ich kaum etwas hinzufügen kann, außer vielleicht noch etwas, was zu meinen Wegen passt und das will ich hier gern noch anfügen.

Zu Beginn der Führung oben in der ersten Etage im eigentlichen Ausstellungsraum ging es um Mobilität im Allgemeinen im 18. Jhd., zu Fuß laufen war für fast alle üblich, die Postsäulen zeigten die Entfernung in Stunden an, dabei war es fast egal, ob man lief oder mit der Postkutsche fuhr (die Postkutsche verkehrte mit durchschnittlichen 4,8 km/h im hügeligen Land nur wenig schneller als ein Fußgänger). Sehr bequem war es ohnehin nicht, die Straßen waren schlecht befestigt und holperig, wenn es gut kam, gab es Holperpflaster und da sind wir auch schon beim musikalischen Zitat eines Vielreisenden, von Wolfgang Amadeus Mozart: „Zwei ganze Posten fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt und den Hintern in lüften haltend… zur Regel wird es mir sein, lieber zu fus zu gehen, als in einem Postwagen zu fahren!“

Mobilität zu Prunkzwecken und zum Vergnügen war natürlich eine ganz andere Nummer und so war ein „Prunkferrari“ mit höhenverstellbarem Fahrwerk aus dem 18. Jhd. gut beleuchtet im Spotlight in der mit Absicht etwas schummerig gehaltenen Ausstellung (300 Jahre alte Exponate sind lichtscheu!) ein besonderes Highlight unter den Ausstellungsstücken. Schnittig konnte man damit auf gut gepflegten Parkwegen dahineilen. Ein Hingucker und lange beäugt von Autoliebhabern!

Zu sehen war auch ein Schlitten, prunkvoll verziert. In einem Schlitten war es wohl auch, wo das junge Paar vor der Hochzeit ersten Momente unter vier Augen erlebte. Privatsphäre war für hohe Herrschaften schwierig, vom morgendlichen Ankleiden bis zum Gute-Nacht-Trunk war immer Dienerschaft um sie…

Ein hoher Preis war das, dafür, dass man in höhere Kreise geboren wurde. Nun gut, man hatte ja auch einige Bequemlichkeiten. Hin wie her. Aber nicht nur das Paar musste zahlen, wohl auch ganz Sachsen, die Leute konnten sich das auch nicht aussuchen. Für die Hochzeit waren 125.000 Taler veranschlagt, gekostet hat es am Ende 6 Mio Taler. Noch heute sehen wir den Prunk und profitieren davon, sieht ja auch toll aus… Das Problem ist ja immer, wer bezahlt´s und wer profitiert davon? Diese Dinge werden sich sicher nie ändern…

Fest steht, dass wir 25 Leute begeistert waren über das Gesehene, über den Perspektivwechsel. Wir tauschten uns in der neuen „Raststätte“ bei Snacks und etwas zu Trinken über das Erlebte aus und zogen durch das barocke Panorama wieder von dannen. Es war ein sehr schöner Abend!

Fest steht ja: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ so steht´s an der Wand, auch Nachts im Museum. 😉

Als ich am nächsten Morgen in den Zug nach Leipzig stieg, war ich froh, dass ich nicht die Postkutsche nehmen musste, die sehr viel länger unterwegs wäre als die eine Stunde Zugfahrt. Wie so oft in letzter Zeit, war an dem Zug nicht alles in Ordnung, genau genommen war über die Hälfte des Zuges nicht in Ordnung, denn der größere Teil war verschlossen und alle Reisenden mussten sich in den verbliebenen kürzeren Teil der beiden ICE-Teile quetschen. Und da war ich schon das zweite Mal dankbar, denn in einer Postkutsche waren nicht so viele Plätze. Wenn sie innen voll war, gab es noch ein paar Außenplätze, auf denen man Wind und Wetter ausgesetzt war und wenn auch die voll waren, gab es Ergänzungspostwagen minderer Qualität, die noch hinterherfuhren, aber wohl bessere Fuhrwerke waren und wer da keinen Platz fand, der lief einfach nebenher, Hauptsache sicher ankommen, irgendwann… wie gut es uns doch heute geht im heutigen Unterwegs und doch jammern wir, wollen immer schneller und schneller ans Ziel kommen, fahren schnelle Autos, fliegen mit Flugzeugen… seien wir doch einfach mal dankbar über das, was wir haben und versuchen, alles so zu gestalten, dass in 300 Jahren noch jemand sagen kann: Toll, wie unsere Vorfahren das gelöst haben und was sie uns hinterlassen haben!

9 Kommentare zu „Unterwegs – 1719 und 2019

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  1. Wir waren bisher drei Mal da, und es hat uns jedesmal wieder in Bann geschlagen. Was besonders interessant war: wir haben die Frauenkirche waehrend des Wiedraufbaus und danach gesehen.
    Liebe Gruesse, und hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

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  2. danke für deine tollen gedanken – zwei empfehlungen noch von mir – schloss hubertusburg i wermsdorf mit der grossen rokoko- und hochzeitsausstellung und burg lauenstein. da gibt es eine spezielle ausstellung zum postsäulen-system in sachsen.

    Gefällt 1 Person

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