Reisetage, die Kraft geben… 1/3

Ein paar Tage Urlaub, wie schön (Musiker müssen ihn genießen, wie er kommt)… es zeichnete sich leider nur wenig Familienzeit ab, alle beschäftigt, so ist das manchmal und das ist gut so! Die Urlaubstage liegen inmitten von Tagen mit alljährlich nervenraubenden Ereignissen in der Heimatstadt, die eigentlich Anwesenheit zu verschiedenen Demonstrationen erfordern würden… sei es drum: lange musste ich nicht überlegen, in diesem Jahr einfach wegzufahren, um an anderen Orten Kraft zu tanken…

Zuerst fuhr ich nach Bad Aibling, wo gerade die Max-Mannheimer-Kulturtage 2020 stattfanden und ich die #BöllEntdecken-Matinee von Michael Stacheder besuchte. Darüber, dass ich bisher in meinem Leben nicht viel Böll gelesen habe, schrieb ich ja schon hier. Bereits in den Tagen vor meiner Abreise las ich Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll. Wie viel Heutiges steckt doch noch immer darin. Wertediskussionen, Gehorsam und unreflektiertes Moralverhalten, Ansichtswechsel und „Fähnchenhängen“, Abgründe, die es bis heute gibt und gerade offentsichtlicher denn je wieder aufflackern. Nicht erst da war mir klar: Wir müssen Böll lesen!

Auf der langen Zugfahrt nahm ich mir nun „Der Zug war pünktlich“ vor – und ja, mein Zug war auch pünktlich ;-). Menschen in Zeiten des Krieges, Liebe, Musik im Angesicht des nahen Todes… all das in dieser Erzählung, die von tiefstem humanen Denken und Lebenssehnsucht spricht. Das Ende: Wohin ich dich auch führen werde – es wird das Leben sein, Worte der Prostituierten Olina an Andreas, der sich am letzten Abend seines Lebens wähnt.

Das in dieser Erzählung beschriebene fand ich am nächsten Tag in Bölls Briefen aus dem Krieg, die Michael Stacheder so las, dass man sich mittendrin fühlte, wieder. Nun sprach Böll selbst aus diesen persönlichen Briefen, die seiner Familie als Kriegspost in Zeiten der Zensur zugedacht waren. Er erzählte von anfänglicher Abenteuerlust, dem Reisen in Kriegszeiten, dem Dasein in Kriegsgräben, Tod von Kameraden, Verwundungen, Lazarettaufenthalten – u.a. in Dresden, wo er 1944 durch die nahezu unzerstörte Stadt spazierte – man spürte die Suche des jungen Mannes nach einem Weg durch diese furchtbaren Kriegstage. (Einen kurzen Höreindruck von der zweistündigen Lesung kann man hier erhalten.) Alles mündet in den Ausruf: „Denkt dran, Kinder: Nie wieder Krieg!“

Ringsum in der Galerie im Alten Feuerwehrgerätehaus fanden sich Bilder aus der Eifel der Ausstellung von Eddie Bonesire „Im Krieg sagtest du einmal…“. Es werden Geschichten der Menschen erzählt, die sich nie freiwillig für Krieg entschieden haben, die aber keine andere Chance hatten, als in den Krieg zu ziehen. Was macht Krieg mit Menschen?

Die Musik des Jazz-Duos „Two for you“ teilte den Vormittag in kleine Abschnitte, gab Raum, die Worte im Inneren nachklingen zu lassen, die Augen über die Bilder der Ausstellung schweifen zu lassen und Zeit, wieder offen für weiteres zu sein.

Nach diesem intensiven Vormittag konnten wir uns dank einem Ortswechsel ins Gemeindehaus der evangelischen Gemeinde Bad Aibling erst einmal löffelnder Weise ins wortarme Nachdenken zurückziehen, bevor sich ein Tischgespräch über viele heutige Themen entspann.

Wie heutig die Fragen, die Bölls Briefe aufwarfen, in diesen Tagen sind, zeigte sich recht schnell. Das Gespräch über das Erstarken rechtsnationaler Themen, das bereits damals in Krieg mündete, kam sofort in Gang. Dresden (bereits in der Lesung erwähnt und vielleicht durch meine Anwesenheit verstärkt) und die zu erwartenden Ereignisse der auf diese Lesung folgenden Woche (Gedenktag der Bombardierung mit unreflektierter Verlesung der Namen von Toten auf einem städtischen Friedhof, egal ob Opfer oder Täter; einer Menschenkette, die es ohne Vereinnahmung dieses Tages durch Nazis nicht geben würde; dem alljährlichen Naziaufmarsch zwei Tage danach und den Protestmöglichkeiten; einer Ansammlung „besorgter Bürger“ mit einer anstehenden Hetzrede…) stand sofort als Fragestellung da und es folgte auch sogleich die Feststellung, dass man davon in Bayern gar nichts mehr hört… Das hat sich vermutlich nach dieser Woche etwas geändert, denn nun war Dresden auch in der überregionalen Presse mal wieder Thema.

Wie wohltuend war es in dieser Runde, sehr ruhig und reflektierend über die Gefahren der heutigen Zeit zu diskutieren ohne dass gleich wieder ein Schreihals ein großes Fass der Meinungsdiktatur aufmachte. In meiner Heimatstadt sind solche Diskussionsrunden leider kaum noch möglich, da sich immer zwei, drei Leute in der Runde finden, die diese Art Gespräch nicht mehr verkraften, ohne giftwortspeiend mit rauschendem Mantel türenschlagend den Raum zu verlassen.

Man möchte es zu Hause auf der Straße rufen, ja herausschreien: „Denk dran, Kinder: Nie wieder Krieg!“ Wie sagte Bölls Mutter? „Hitler? Das bedeutet Krieg.“ Wie kann man nur immer wieder diesen Themen hinterherlaufen? Was ergibt das für einen Sinn? Es gibt wahrlich Schöneres auf dieser Erde und so bleibt uns auch heute wie auch Heinrich Böll damals nur die Suche nach einem Weg durch diese Zeiten und nach besseren Zeiten. Damit wir weiter viel Schönes sehen, müssen wir am Wegesrand immer wieder die dunklen Entwicklungen der Machtspiele im Auge behalten und benennen (und genau deshalb braucht es mehr solcher Kulturtage wie in Bad Aibling). Immer und immer wieder. Deshalb: Lest Böll, entdeckt ihn neu! Es lohnt sich. (…und wem danach ist, bitte unter #BöllEntdecken darüber berichten!)

Es sind Lesungen und Gesprächsrunden wie diese, die mir wieder einen Weg zeigen, der mir so oft schon fast verschüttet vorkommt, wenn ich die Ereignisse und das große Schweigen (das nach den Ereignissen der letzten Tage aber zum Glück schon nicht mehr so groß ist) in meiner Heimatstadt Dresden sehe. Ich kann für diesen Tag in Bad Aibling nur sehr laut: Danke! sagen.

Bis hierhin vielen Dank fürs Lesen, die Reise ging noch weiter (auch wenn #Sabine mich erstmal fast wegwehte, ich fand einen Weg mit Bus und S-Bahn)… im nächsten Blogbeitrag nehme ich die Leser meines Blogs mit nach München…

2 Kommentare zu „Reisetage, die Kraft geben… 1/3

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