Corona… aber Schröter!

Beim Räumen im Keller im vergangenen Jahr fiel mir ein Buch in die Hände, ich stutzte: Corona prangte mir in großen Buchstaben vom Titelbild entgegen. Erster Gedanke: „Oh nein, wie furchtbar, jetzt fällt mir das Thema schon beim Kelleraufräumen in die Hände!“ Zweiter Gedanke: „Moment, wieso steht da Corona und was ist das überhaupt…“ das Interesse war geweckt! Das Aufräumen konnte warten, ich hatte mich festgelesen… aber durch den Corona-Virus-Kulturstillstand war ja viel Zeit dazu. 😉

Corona Schröter, Das Leben der Schauspielerin, eine Biographie in Romanform von Jutta Hecker. Das Buch liegt wohl schon viele Jahre bei uns im Keller, erschienen 1969 im Verlag der Nation, Berlin, hier vorliegend in der 6. Auflage von 1981, damals zu erwerben für den Preis von 9 DDR-Mark und 80 Alu-Pfennig. Sicher hatten meine Eltern dieses Buch irgendwann gekauft oder geschenkt bekommen, denn sie besuchten Weimar häufig und sehr gern, waren meist auf den „klassischen“ Spuren unterwegs. Als Kind fand ich das entsetzlich langweilig und die Schule tat noch den Rest, die Lehrer ritten viele Stunden in langen Monologen auf dem Faust herum, was ich zum Gähnen fand und verleideten mir Goethe dadurch völlig, denn wehe, man sagte danach ein falsches Wort…. den Erlkönig, den wir lernen mussten, fand ich gruselig.

Natürlich begegnete mir Goethe immerzu in meinem weiteren Leben, aber ich beäugte alles sehr vorsichtig, hatte ich doch mein vorschnelles, einseitiges Urteil gefällt. „Größter deutscher Dichter“ wurde immer betont, das sollte mir erstmal jemand beweisen. So toll fand ich manches nämlich nicht, wie viele Leute es immer betonten, es gab und gibt da einfach zuwenig Klingendes für mich. Sorry.

Dann, im April 2020, als wir alle zu Hause saßen und viele nicht wussten, wie es nun in Kulturdingen weitergeht, begannen in meiner kleinen Twitterblase alle über das #GoetheMoMa zu reden. Meine Neugier war geweckt. Seither sah ich viele Instalive-Gespräche, drang mehr und mehr in den weiten Kosmos der Goethe-Liebhaber ein und entdeckte durch den einen oder anderen Seitenstrang auch einen Zugang für mich. Die Frauen um Goethe (allen voran Christiane Vulpius) interessierten mich schon immer und nun fiel mir dieses Buch in die Hand! Den Namen Corona Schröter hatte ich wohl schon einmal gehört, aber auch schnell wieder vergessen. Ich begann zu lesen und schnell zu ahnen, dass mich diese Sache länger beschäftigen würde.

Die Quellen über Corona Schröter sind dürftig, das wenige, was belegbar bekannt ist, kann man gut im Wikipedia-Artikel über sie nachlesen. Jutta Hecker hat in diesem Roman versucht, das Leben der Schauspielerin, Sängerin und Komponistin nachzuzeichnen, sicher ist nicht alles authentisch belegt, aber doch könnte sicher vieles so gewesen sein. Auf alle Fälle hilft der Roman, Corona Schröter etwas näher zu kommen.

Der Roman beginnt in Leipzig, wo Corona Schröter dank der Unterstützung und guten Ausbildung von Johann Adam Hiller erste Erfolge feierte. Sie gilt als Allroundtalent, Schauspielerin mit Ausgewogenheit von Geist, Seele und Leib, von Schönheit, Ausdruckskraft und Talent. Mit ihrer Leistung als Sängerin war sie jedoch nie zufrieden und in der Tat gab es sicher brillantere Stimmvirtuosinnen. Der Zusammenklang aller oben genannten Dinge machte ihren Charme aus. In diesen ersten Tagen als gefeierter Star in Leipzig lernte sie Goethe kennen, der als junger Student ungestüm vor sich hin lebte in Leipzig, jedoch tief beeindruckt und großer Fan von ihr wurde. Sie besuchten gemeinsam Malkurse. Als er schwer erkrankt nach Frankfurt zurückkehren musste, entwickelt er sich rasch weiter, geht anschließend nach Weimar. Dort träumt er mit Herzog Carl August unter anderem von einem Theater. Auf der Suche nach Schauspielern dachte Goethe als erstes an Corona, die sein durch einige Stars verstärktes Laien-Ensemble anführen sollte. Er fuhr nach Leipzig und warb um sie. Sie sagte nach einigen Überlegungen zu.

Corona Schröter lebte und wirkte nun 12 Jahre am Weimarer Hof, war als Hofvokalistin und Kammersängerin der Herzogin angestellt. Goethe schrieb ihr mehrere Rollen auf den Leib, beide kamen sich wohl auch sonst sehr nahe. Doch die (wahre) Liebe war nur einseitig. Ob aus Vernunft oder aus anderen Gründen, entschied sich Corona für ein Leben als alleinstehende Schauspielerin. Sie erfuhr zwar sehr viel Applaus bei Hofe, war sich aber sehr wohl bewusst, dass sie immer eine Kommödiantin aus einfachem Hause bleiben würde und auf ihren Ruf bedacht sein musste. Sehr empfindsam werden manche Begegnungen mit Goethe, aber auch manch unschöne mit dem jungen Herzog Carl August im Roman beschrieben. Fest steht, dass sich Corona Schröter ab 1788 vom höfischen Leben immer mehr zurückzog (vermutlich aus Krankheitsgründen, aber es könnten auch andere Gründe eine Rolle gespielt haben – Goethe lernte 1788 Christiane Vulpius kennen und bereits ein Jahr darauf wurde der gemeinsame Sohn August geboren.)

Corona Schröter lebte bald sehr zurückgezogen in Ilmenau, unterrichtete, malte und komponierte noch, starb jedoch bereits 1802 einsam nur im Beisein ihrer langjährigen Leipziger Freundin Wilhelmine Probst an Tuberkulose. Kein Angehöriger der Weimarer Gesellschaft begleitete sie auf ihrem letzten Gang. Goethe erfährt erst Tage später nach ihrem Begräbnis von ihrem Tod. Die Muse der Weimarer Klassik war vergessen.

Sie hinterließ eine Sammlung von 25 Liedern, darunter die Erstvertonung von Goethes „Erlkönig“. Für meine Flötenliederkiste schrieb ich bisher zwei ihrer Lieder als Arrangements für meine Flötenliederkiste, um meinen Schülern von ihr zu erzählen. Hier sind sie zu finden: Der Erlkönig und Der Eistanz (Anmerkung *1). Besonders lustig umgesetzt finde ich den Eistanz, der in jeder neuen Phrase des kurzen Liedes anders „Schwung nimmt“, man sieht sie dabei förmlich über das Eis tanzen zum Text von Johann Gottfried Herder.


Seit einiger Zeit läuft bei der Monacensia in München die fantastische Blogparade #femaleHeritage. Mein Artikel ist eventuell noch ein sehr später Beitrag dazu, denn die Frist ist längst abgelaufen.

*1 – Im Liedtext steht das Wort Fittich: Flügel sind überhaupt die Werkzeuge zum Fliegen. Fittich (mit Federverwandt, wahrscheinlich ein Kollektivum zu diesem Worte; ahd. fëttah, mhd. vëttach, vittich) heißt das Werkzeug zum Fliegen, sofern es mit Federn versehen ist. Daher legt man den gefiederten Vögeln Fittiche und Flügel bei, die unbefiederten Insekten hingegen haben nur Flügel und keine Fittiche, Selbst die Flügel der Vögel, wenn sie der Federn beraubt sind, heißen nicht mehr Fittiche, sondern Flügel. Daher spricht man von dem Flügel eines gebratenen Huhnes, nicht von dem Fittich eines solchen. Fittich als das ältere Wort klingt edler, mächtiger und feierlicher, als Flügel, und wird nur in dichterisch gehobener Sprache angewendet.

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