Nehmen wir einfach alle mit…

Kultur im Wandel – wieder eine Blogparade… diesmal von Axel Kopp. Er stellt Fragen, die schwer zu beantworten sind. Ich habe lange überlegt, wie ich mich diesem Thema überhaupt schriftlich nähern könnte, denn gedanklich beschäftigt es mich als Musikerin tagtäglich, schon sehr lange, sehr intensiv und ein Ende ist nicht abzusehen… Der Wandel der Kultur, ein weites Thema…

Ich wohne in Sachsen. Da gibt es Verfechter der Kultur des Abendlandes, die die schlimmsten Horrorszenarien an die Wand malen, die von einem unbeherrschbaren Multikultimischmasch sprechen. Sie sprechen sogar davon, dass „unsere Kultur des Abendlandes“ ganz sicher bald untergeht und dass man das unbedingt verhindern muss… Aber ist das wirklich so?  Wenn man sich diese ganz speziellen „Kulturverfechter“ ansieht, fragt man sich: „Ja, was genau ist denn die Kultur dieser Leute?“ Ich stehe oft am Straßenrand und sehe in Gesichter, die meist nur noch Hass und Ablehnung widerspiegeln. Das hat mit Kultur nichts zu tun und ich bezweifle, dass sie Kultur überhaupt für sich definieren können. Ich verstehe das Problem dieser Leute ehrlich gesagt nicht und für mich stellt sich die Frage: „Wie können wir diese Leute jemals wieder in unseren Kulturkreis integrieren?“

In unserer Gesellschaft stehen sich durch die Flüchtlingsbewegungen plötzlich Menschen gegenüber, die verschiedener nicht sein könnten. Auf der einen Seite stehen viele, die vor 25 Jahren die Freiheit (wieder)erlangten, aber selbst nie wirklich in der weitverzweigten europäischen Kultur ankamen, weil sie mit materiellen Lebenserhaltungsmaßnahmen beschäftigt waren und sind. Es sind viele, die einfach vom kulturellen Leben abgehängt wurden, weil andere Dinge erst einmal wichtiger waren. Auf der anderen Seite stehen die Flüchtlinge, die mit fast nichts aus einem anderen Kulturkreis geflohen sind, nun hier ankommen und schauen, wie sie hier zurechtkommen. Für sie steht erst einmal Ankommen und Überwinden der Kriegserlebnisse im Vordergrund.

Die größte Herausforderung für die europäische Kultur wird wohl sein, diese verschiedenen Gruppen auf eine Ebene zu bringen. Da ist auch die sogenannte „Hochkultur“, die vielerorts sehr stark ausgeprägt und oft penibel, wenn nicht sogar starr nach alten, lang gewachsenen, immer wiederkehrenden Riten gepflegt wird. Seien wir ganz ehrlich: Nur noch ein Teil der Bevölkerung nutzt und versteht diese Hochkultur, die neben viel Insiderwissen auch ein großes Maß an korrektem Verhalten voraussetzt, das einigen allerdings abhanden gekommen ist.

Als Lösungsansatz könnte man ganz einfach sagen: „Lasst uns mal wieder gemeinsam im Kulturwald wandern gehen und dabei über Gott und die Welt quatschen.“ (… ich nehme damit ganz bewusst Bezug auf meinen ersten Blogartikel, in dem ich darüber schrieb, was Kultur für mich ist). Und so ganz nebenbei könnte man bei diesem „Spazierengehen oder Wandern“ ein paar gemeinsame Erwartungen an Kultur entdecken, vielleicht Verbindendes, Bereicherndes oder sehr Unterschiedliches. Aber so einfach ist das nicht, denn genau dieses Gemeinsame wollen viele schon ganz prinzipiell gar nicht. Die Positionen sind so verhärtet, da wird um Themen gestritten, die wir längst überwunden glaubten. Aber vergessen wird dabei ganz einfach, dass wir alle Menschen sind, die neben ganz alltäglichen, auch kulturelle Bedürfnisse haben.

Und da stehen wir nun vor diesem Chaos, seit Wochen, Monaten… Dieses Chaos wieder in eine Bahn zu lenken, mit der alle leben können, wird sehr schwierig. Es wird eine Herausforderung für uns alle, aufeinander zuzugehen und jeder sollte nachdenken, was sein Beitrag dazu sein kann.

Meine eigene und auch vielleicht auch einzige Möglichkeit, etwas zur Verständigung bei diesem Kulturwandel beizutragen, sehe ich darin, eine Sprache zu sprechen, die überall auf der ganzen Welt verstanden wird: die Musik. Sie verbindet Menschen jenseits vom Verstand, weckt Gefühle und wer gemeinsam fühlt, beginnt, miteinander zu reden. Wer miteinander redet, beginnt einander zu verstehen. Wer sich versteht, wird eine gemeinsame Zukunft haben und vergisst seine Unterschiede.

Die Frage wird also nicht nur sein, wie integrieren wir die vielen Flüchtlinge? Sondern: Wie integrieren wir auch all jene, die glauben, die Kultur des Abendlandes geht unter, wenn so ein paar Flüchtlinge, die ein anderes Kulturverständnis haben, bei uns leben? Wie gehen wir auf all diese Menschen zu? Wie funktioniert ein Zusammenleben? Eine echte Herausforderung.

Ich bin sehr glücklich, dass bei jedem Konzert des Orchesters, bei dem ich unter Vertrag stehe, Menschen aus all jenen Bevölkerungsgruppen friedlich nebeneinander sitzen, die es sonst nicht tun würden. Ich freue mich, dass sie unsere Musik hören und sich darüber gemeinsam austauschen (könnten). Ja, es ist nicht immer so, aber es wäre möglich und wünschenswert. Und manche kommen zusammen.

Seit einiger Zeit kommen zu jedem Konzert neben unseren Abonnenten und Gelegenheits-Kartenkäufern auch Flüchtlinge. Der Flüchtlingsrat bringt zukünftige Paten aus Leipzig und Flüchtlinge miteinander in Kontakt. Sie besuchen gemeinsam unsere Konzerte und lernen sich dort kennen, verbringen den ganzen Abend miteinander… Musik steht erst einmal im Vordergrund. Ich finde das eine wunderbare Sache. Ob der Kontakt wirklich vertieft wird, erfahren wir nur am Rande, das können wir nur hoffen, aber wir hörten von vielen Patenschaften, die auf diese Weise zustande kamen. Das ist ein sehr guter Ansporn für uns. Musik bewegt uns und je mehr, desto besser. Am allerbesten ist es, wenn nach dem Konzert lebhaft über das Gehörte/Gespielte diskutiert wird (ja… auch Musiker stehen nicht immer allem Neuen sofort offen gegenüber und auch da gibt es viel Diskussionsbedarf). Darüber diskutieren ist dabei eigentlich das Beste, was uns passieren kann. Denn oftmals sind die Programme voller Gegensätze. Altbewährtes trifft auf Unerhörtes, Kompliziertes auf ganz Banales, Strenges auf Emotionales, Trauriges auf Fröhliches, Leises auf Lautes, Zerrissenes auf Überfülltes… Und für alles sollten wir offen sein. Was könnte schöner sein als so eine Mischung? Lasst uns die Leute neugierig machen, erzählen wir über das, was uns musikalisch bewegt oder noch besser, lassen wir die Musik für sich sprechen, lassen wir sie Teil unseres Lebens sein und ergänzen sie mit dem, was andere dazu beitragen können. Es wird sich sowieso nur das durchsetzen, was stark genug zu uns spricht. Musik ist die stärkste Macht, die ich kenne, sie findet in jedes Herz, aber sie steht nie still. Nehmen wir einfach alle mit in diese musikalische Welt und gehen gemeinsam fantasievoll spazieren, damit es ein schöner Kulturwald bleibt…

3 Gedanken zu “Nehmen wir einfach alle mit…

  1. Sehr kluger und nachdenklich stimmender Text. Danke.
    Als Musikerin muss ich selbst sagen, dass wir Musiker allein durch die Bekanntschaften und Freundschaften, die wir schon an der Musikhochschule knüpfen (bei uns war es jedenfalls sehr international, ich hatte Freunde aus England, USA, Niederlande, Japan, Süd-Korea, Chile, Argentinien, Australien, Taiwan, Norwegen, Schweden, Polen, Italien, Spanien, Portugal, Türkei … puh, ach, bestimmt einige vergessen…)… und dann später natürlich durch Kollegen oder Eindrücke auf Konzertreisen im Ausland. Auch wenn ich jetzt hier als alleinerziehende Mama in einer anderen Stadt sitze und die Flöte leider ganz weit in den Hintergrund gerückt ist, zehre ich sehr von dieser Zeit, sie hat mein Weltbild geprägt und ich blicke voller Entsetzen auf einige Sichtweisen der Menschen, die nie ihren Arsch aus der Kleinstadt hier wegbewegt haben. Unfassbar.

    Gefällt 1 Person

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